Chemnitz, 01.05.2018

Erster Mai 2018 – Chemnitz

„Doitscher Sozialismus – Jetzt!“ – Nein, bitte nicht. Wer sich einmal Kapitalismuskritik von Rechts ansehen wollte, der konnte am ersten Mai die Demonstration der Kleinstpartei „Der III. Weg“ in Chemnitz bewundern.

Schön war das nicht, aber selten.

Fangen wir jedoch von vorne an. Früh am Morgen trafen sich die Aktivist_innen aus Leipzig am Bahnhof, um gemeinsam nach Chemnitz zu fahren und – wenn alles gut ging – die Demonstration des III. Weg zu blockieren.

Ich war, ebenso wie in Dortmund, mit @Resistance20186 unterwegs. Er mit der Kamera, ich beim Tickern.

Der Zug war rappelvoll, die Glücklichen hatten Sitzplätze, der Rest saß auf dem Flur. (Ja, es gibt sie noch, diese alten Züge mit den Abteilen statt Großraumwagen.)

In Chemnitz angekommen, ging es gemeinsam zum Startpunkt der ersten Demo – wir waren dabei so viele, dass das durchaus auch als Sponti hätte durchgehen können. Inklusive Gesang und Parolen, die vor allem unter den Brücken eine Menge Eindruck machten. Laut, fröhlich und fröstelnd kamen wir dann schließlich an – um zu warten.

Und zu warten. Da sollte zwar eigentlich eine Band spielen, aber die Technik funktionierte nicht so ganz. Irgendwann spielte sie dann doch und danach ging es los. Natürlich in Begleitung.
Drei Bullenwannen hinter der Demo, drei davor und einzelne Grüppchen an Uniformierten nebenher.

Die Route ging durch ein bekanntes Naziviertel, inklusive Redebeitrag an einem Haus, aus welchem heraus die Aktivist_innen mit Wasser begossen und laut bepöbelt wurden.

Kurze Zeit später dann der erste Durchbruchsversuch, der an den Reihen der Staatsgewalt und ihrem Pfefferspray scheiterte.

Doch direkt danach folgte der zweite Durchsbruchsversuch, der einmal um den Block und zurück zum Ort des ersten Versuchs führte – und erfolgreich war. Allerdings wurde kurz darauf die gesamte Straße abgesperrt und ein mehrstündiger Kessel eingerichtet.

Wir wurden daran gehindert, zu den Gekesselten zu gelangen, konnten aber einen Bogen laufen und dann vom unteren Ende der Straße in den Kessel gelangen.

Die Situation im Kessel stagnierte, sodass wir uns dazu entschlossen, den Faschos einen Besuch abzustatten. Schlussendlich sind wir dann deren halbe Demo mitgelaufen, haben von der Demo aus getickert und uns „Doitscher Sozialismus – jetzt!“ in Dauerschleife anhören dürfen. War aber immer noch besser als das „Nie, nie wieder Israel!“, das zwischendurch kam.

Die Demo war erstaunlich gut organisiert, vorne liefen die Mitglieder_innen des III. Weg, gut gekennzeichnet durch rote T-Shirts und waldgrüne Fahnen. Weiter hinten lief eine bunte Mischung jedweder Naziszene, von Autonomen Nationalisten bis hin zu Pegida war alles dabei.

Der vordere Teil war sehr diszipliniert, es wurde im Block gelaufen und (offensichtlich linke) Journalist_innen zwar bemerkt, aber nicht weiter beachtet. Wir konnten direkt neben dem Block laufen, fotografieren und tickern, ohne dass uns körperlich zu nahe gekommen wurde.

Der hintere Teil wirkte undisziplinierter, aber auch gewaltbereiter. Die Ordner (ja, waren nur Männer), waren stets gefordert, die Reihen ordentlich zu halten. Rauchen wurde nur ungern gesehen, was dann zu amüsanten Szenen führte, rotteten sich die Raucher_innen doch bei jeder Zwischenkundgebung zu kleinen Häufchen versteckt in Hauseingängen zusammen.

Hatte etwas von Schulhof.

Inhaltlich unterschieden sich die Beiträge nur marginal von denen anderer Nazigruppierungen – Kapitalismus solle abgeschafft werden und durch eine nationale Form des Sozialismus (was auch immer das sein soll) ersetzt werden.

Dabei gilt aber, wie überall: Alles zuerst für Deutsche, Antisemitismus und Rassismus.
Die Sprechchöre wurden von vorne vorgegeben, aber nur die Angehörigen des III. Weg konnten passend und gemeinsam antworten. Dadurch entstand ein Echo, da der hintere Teil der Demo stets verzögert und leiser werdend antwortete. Das sie dabei von Anwohner_innen mit Luftballons beworfen wurden und teilweise Transparente aus den Fenstern hingen, dürfte den Enthusiasmus der Teilnehmenden ebenfalls geschmälert haben.

Von Seiten der Gegendemo gab es während unseres Aufenthalts in der Faschodemo noch einen weiteren, sogar teilweise erfolgreichen Durchbruchsversuch. Die Faschos mussten ihre Demo also in einem Spalier von Gegendemonstrant_innen beenden – und wurden nicht mehr gehört.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass der III. Weg zwar optisch eindrucksvoll war, gerade weil die eigentlichen Mitglieder_innen mit roten Shirts und waldgrünen Fahnen sowie einer Trommlergruppe vorneweg und Schildern ausgestattet waren, die Größe der Demo jedoch nur durch eine Anzahl von Angehörigen weiterer Nazigruppierungen erreicht werden konnte.

Diese unterminierten allerdings das disziplinierte und ordentliche Gesamtbild, da sie sich nicht an die vorgegebenen Auflagen der Organisatoren halten wollten.

Die Gegendemo war mit ca. 4000 Teilnehmer_innen deutlich größer als die Nazidemo (ca. 600 Teilnehmer_innen), konnte aber dennoch die Nazis nicht am Laufen hindern.
Das sollte dringend überdacht werden, die Mengenverhältnisse sprechen zwar für uns, aber das die Faschos trotzdem laufen, ist und bleibt ein Unding!