Penisse sind nicht männlich.

In der linken Szene aktiv zu sein, macht Menschen automatisch zu Feminist_innen. Logischerweise, schließlich steht auf jedem zweiten Veranstaltungsflyer, dass Sexismus nicht erwünscht ist und auch diverse linke Räume haben sich dies groß über die Eingangstür geschrieben. (Ja, mein Macker, Macker, Mackerfa – Artikel geht in eine ähnliche Richtung. Durchaus.)

Wer also mitmachen will, muss Feminist_in sein – oder geht bereits beim Einlass in Rauch auf.

Wäre ein hübsches Szenario, das möchte ich gar nicht bestreiten, ist aber leider meilenweit von der Realität entfernt.

Während plumpe „Frauen an den Herd!“-Sprüche mittlerweile nur noch ironisch verwendet werden, und Macker, die meinen, das Konzert mit nacktem Oberkörper bestreiten zu müssen, zumindest teilweise verwarnt werden, ist unter der Oberfläche die Gesamtscheisze leider immer noch die gleiche.

Selbstreflektion kostet Mühe und tut manchmal weh, weil Menschen sich eingestehen müssen, dass sie Mist gebaut haben. Und sich dafür im Idealfall sogar noch entschuldigen wollen und „sich entschuldigen“ Menschen nun mal meistens ziemlich schwer fällt.

Leider sieht sich die linke Szene gerne als reflektierten, sicheren Raum, weil das Schild über der Tür jede Diskriminierung, die wir während unserer Sozialisierung in dieser Gesellschaft internalisiert haben, in Rauch aufgehen lässt.

Fangen wir also mit den Fakten an: Diese Gesellschaft ist patriachal und frauenfeindlich. Sie stützt sich auf ein binäres Geschlechtersystem, welches sich willkürlich an reproduktiven Organen orientiert und im Laufe der Zeit immer rigider in der Umsetzung der Binarität geworden ist.

Dies ist besonders daran zu beobachten, dass erst in den letzten Jahren die Zwangssterilisation bei trans Menschen während der Transition abgeschafft wurde und das inter Menschen bis heute unter Zwangsoperationen leiden, die sie einem der binären Geschlechter anpassen sollen.

Menschen mit Organ Y wird mehr Macht zugestanden als Menschen mit Organ X. Bereits bei der Geburt werden Menschen Rollen in der Gesellschaft zugeschrieben, mit Farben codiert und vom äußerlichen Zustand der reproduktiven Organe abhängig. Wir alle sind damit aufgewachsen, dass Menschen entweder männlich oder weiblich sind und woran wir das erkennen.

Im Biologieunterricht der Mittelschule (also so in der siebten, achten Klasse), wurde uns beigebracht, dass ein Penis das „männliche“ Geschlechtsteil wäre und eine Vulvina das „weibliche“.

Es ist reproduktiven Organen ziemlich egal, wie sie benannt werden. Ein Penis ist ein Penis ist ein Penis, er ist kein „männliches“ Geschlechtsmerkmal. Er ist ein Organ, welches zum Ausscheiden von Urin und Samenflüssigkeit dient. Männlichkeit hat da erst das binäre System hineingedichtet.

Auch ein Uterus ist erst einmal nur ein reproduktives Organ, in dem sich eine Eizelle über neun Monate hinweg zu einem Menschen entwickelt. Ein Uterus ist kein Kennzeichen für Weiblichkeit, er wurde erst dazu gemacht.

Seit mehreren Jahrhunderten hat die Biologie versucht, das binäre System an der Realität zu beweisen – und ist gescheitert. Das Zuweisen von Geschlecht anhand reproduktiver Organe funktioniert nicht, das ist nur noch nicht bis in die Gesellschaft vorgedrungen. Die ist nämlich grundsätzlich langsamer als wissenschaftliche Erkenntnisse.

Dass Menschen mit Penis nicht immer männlich sind und Menschen mit Vulvina nicht immer weiblich, das hat mittlerweile zumindest ein Teil der Feminist_innen verinnerlicht.

(Feminismus ist ja leider auch nicht unbedingt homogen, aber dazu wann anders mehr.)

Dennoch fällt es auch Aktivist_innen immer noch sehr schwer, einfach anzuerkennen, dass manche Frauen einen Penis haben und manche eine Vulvina, was dann zu Erwartungen an trans Menschen führt und selbige nicht nur unter Druck setzt, sondern auch ein System eröffnet, in welchem Menschen unterschiedlich bewertet werden, ob sie denn „wirklich“ weiblich/männlich wären. (Von Enbies und inter Menschen ganz zu schweigen.)

Was meistens dabei übersehen wird, ist, wie tief wir das binäre System verinnerlicht haben:

Ein Penis wird mit Männlichkeit assoziiert, Menschen mit Bartwuchs ebenso. Brüste werden als weiblich gelesen, eine hohe Stimme auch.

Bereits wenn wir Menschen kennenlernen, ordnen wir sie unbewusst in unser binäres System ein. Dafür kann Individuen auch keine Schuld gegeben werden, Sozialisierung ist ein tief reichendes, komplexes Muster in der Psyche jedes Individuums.

Was aber definitiv keine Lösung für internalisierte Kackscheisze ist: Sie verleugnen.

„Ich sehe keine Geschlechter, ich sehe nur Menschen“ negiert die erfahrenen Repressionen von Menschen, die nicht in das binäre System passen und entlastet von der Verantwortung, sich selbst und die eigenen internalisierten Repressionen zu reflektieren.

Menschen, die nicht in das binäre System passen, werden strukturell unterdrückt, müssen sowohl sexistische, als auch transfeindliche Diskriminierung ertragen, haben eine der höchsten Selbstmordraten unter jungen Menschen und werden darüber hinaus noch psycho-pathologisiert.

Transgender steht als Identitätsstörung (und damit neben z.B Kleptomanie) immer noch im ICD-10, dem Buch, welches die meisten Arztpersonen zur Diagnostik verwenden. (Positiv anzumerken ist, dass es im ICD-11 nicht mehr vorkommen wird.)

Strukturelle Diskriminierung zeichnet sich dadurch aus, dass nicht-Betroffene sie in den meisten Fällen nicht einmal wahrnehmen, wenn sie selbige reproduzieren, einfach, weil sie „normal“ ist. Aber die linke Szene soll plötzlich davon völlig unbeleckt sein?

Dadurch stellen wir uns besser da, als wir sind und behaupten, dass ausgerechnet wir, weil wir ja so unglaublich reflektiert und emanzipatorisch sind, keinerlei Diskriminierungen internalisiert hätten.

Die Arroganz, die aus diesen Sätzen tropft, ist kaum zu ertragen und macht Betroffenen das Leben nur unnötig schwer. Die müssen nämlich trotzdem Bildungsarbeit an uns leisten, sie müssen damit leben, in Schubladen gesteckt zu werden und mühsam wieder rauskrabbeln, während wir behaupten, völlig ohne Schubladen denken zu können. (Das Schild über der Tür, wir erinnern uns?)

Selbstreflektion bedeutet mehr, als bloß neue Pronomen nutzen zu können und Männer in Röcken nicht auszulachen. Selbstreflektion bedeutet, dass wir alle uns eingestehen müssen, Teil der beschissenen Gesellschaft zu sein und auch Teile ihrer diskriminierenden Grundsätze übernommen zu haben. Erst dann, wenn wir das anerkennen, können wir es ändern.

Vorher werden strukturelle Diskriminierungen nämlich einfach mit einem „Ich sehe keine Geschlechter, ich bin nicht so.“ reproduziert, indem sie verleugnet werden.

Schreibe einen Kommentar