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Penisse sind nicht männlich.

In der linken Szene aktiv zu sein, macht Menschen automatisch zu Feminist_innen. Logischerweise, schließlich steht auf jedem zweiten Veranstaltungsflyer, dass Sexismus nicht erwünscht sei.
Auch diverse linke Räume haben sich dies groß über die Eingangstür geschrieben.
(Ja, mein Macker, Macker, Mackerfa – Artikel geht in eine ähnliche Richtung. Durchaus. Da geht es nur weniger um Penisse.)

Wer also mitmachen will, muss Feminist_in sein – oder geht bereits beim Einlass in Rauch auf.

Wäre ein hübsches Szenario, das möchte ich gar nicht bestreiten, ist aber leider meilenweit von der Realität entfernt.

Sexismus

Plumpe „Frauen an den Herd!“-Sprüche sind mittlerweile nur noch ironisch, meistens.
Macker, die das Konzert mit nacktem Oberkörper bestreiten, müssen zumindest teilweise mit Kritik rechnen. (Und schreiben dann Songs darüber, wie Swiss.) Unter der Oberfläche jedoch, ist die diskriminierende Struktur leider immer noch die gleiche. Und auch Feminist_innen bemängeln, dass es eine gewisse Fokussierung auf Penisse und Männlichkeit gibt. Im Umkehrschluss wird versucht, Vulven präsenter zu machen.

Selbstreflektion kostet Mühe und tut manchmal weh, weil Menschen sich eingestehen müssen, dass sie Mist gebaut haben. Und sich dafür im Idealfall sogar noch entschuldigen wollen/sollen und „sich entschuldigen“ Menschen nun mal meistens ziemlich schwer fällt.

Leider sieht sich die linke Szene gerne als reflektierten, sicheren Raum, weil das Schild über der Tür jede Diskriminierung, die wir während unserer Sozialisierung in dieser Gesellschaft internalisiert haben, in Rauch aufgehen lässt.

Fangen wir also mit den Fakten an: Diese Gesellschaft ist patriarchal und frauenfeindlich.
Sie stützt sich auf ein binäres Geschlechtersystem, welches sich willkürlich an reproduktiven Organen orientiert und im Laufe der Zeit immer rigider in der Umsetzung der Binarität geworden ist.
Penisse sind männlich, Vulvinas sind weiblich.

Biologismus

Bis 2011 wurden trans Personen zwangsterilisiert. Ansonsten durften sie nicht transitionieren. Inter Menschen leiden bis heute unter Zwangsoperationen, die sie einem der binären, angeblich von außen biologisch eindeutig zuordbaren, Geschlechter anpassen sollen. Bei diesen Operationen werden vor allem Neo-Vulven chirurgisch hergestellt. Penisse sind für die plastische Chirurgie eine größere Herausforderung. Seit März 2021 gibt es ein offizielles Verbot. Inter-Verbände bezweifeln jedoch, dass dieses Verbot alle Operationen beendet. Sie beobachten die Entwicklung.

Menschen mit Organ Y wird mehr Macht zugestanden als Menschen mit Organ X. Bereits bei der Geburt werden Menschen Rollen in der Gesellschaft zugeschrieben. Dise sind mit Farben codiert und vom äußerlichen Zustand der reproduktiven Organe abhängig. Wir alle sind damit aufgewachsen, dass Menschen entweder männlich oder weiblich sind und woran wir das erkennen.

Im Biologieunterricht der siebten, achten Klasse lernten wir, dass ein Penis das „männliche“ Geschlechtsteil sei, eine Vulvina das „weibliche“. Eine Vulvina ist die Gesamtheit aus Vulva und Vagina. Die Vagina ist der innere Teil, die Vulva der äußere Teil. Wir kennen deutlich bessere Begriffe für Penisse, als für Vulvinas. (Und wahrscheinlich auch mehr Synonyme. Probiert es aus.)

Es ist reproduktiven Organen ziemlich egal, wie sie benannt sind. Ein Penis ist ein Penis ist ein Penis, er ist kein „männliches“ Geschlechtsmerkmal. Er ist ein Organ, welches zum Ausscheiden von Urin und Samenflüssigkeit dient. Männlichkeit hat da erst das binäre System hineingedichtet.

Auch ein Uterus ist erst einmal nur ein reproduktives Organ, in dem sich eine Eizelle über neun Monate hinweg zu einem Menschen entwickelt. Ein Uterus ist kein Kennzeichen für Weiblichkeit, er wurde erst dazu gemacht.

Transfeindlichkeit

Seit mehreren Jahrhunderten hat die Biologie versucht, das binäre System an der Realität zu beweisen – und ist gescheitert. Das Zuweisen von Geschlecht anhand reproduktiver Organe funktioniert nicht, das ist nur noch nicht bis in die Gesellschaft vorgedrungen. Die ist nämlich grundsätzlich langsamer als wissenschaftliche Erkenntnisse. (Außerdem gibt es eine Definitionslücke zwischen „das sind Penisse“ und „das sind Klitori“. Das ist sehr witzig.)

Das Menschen mit Penis nicht immer männlich sind und Menschen mit Vulvina nicht immer weiblich, das wird in einigen feministischen Strömungen anerkannt.

(Feminismus ist ja leider auch nicht unbedingt homogen, aber dazu wann anders mehr.)

Dennoch fällt es auch Aktivist_innen immer noch sehr schwer, einfach anzuerkennen, dass manche Frauen einen Penis haben, manche eine Vulvina. Das führt zu Erwartungen an trans Menschen. Es setzt selbige nicht nur unter Druck, sondern eröffnet auch ein System, in welchem Menschen unterschiedlich bewertet werden. Die Unterscheidung, ob sie denn „wirklich“ weiblich/männlich wären, wird dann an vermuteten, körperlichen Merkmalen festgehalten. (Von nichtbinären Personen und inter Menschen ganz zu schweigen, wir bleiben unsichtbar.)

internalisierte Diskriminierung

Dabei übersehen Aktivist_innen, wie tief wir das binäre System verinnerlicht haben:

Ein Penis ist mit Männlichkeit assoziiert, Menschen mit Bartwuchs ebenso. Brüste werden als weiblich gelesen, eine hohe Stimme auch.

Bereits wenn wir Menschen kennenlernen, ordnen wir sie unbewusst in unser binäres System ein. Dafür kann Individuen auch keine Schuld gegeben werden, Sozialisierung ist ein tief reichendes, komplexes Muster in der Psyche jedes Individuums.

Was aber definitiv keine Lösung für internalisierte Diskriminierung ist: Sie verleugnen.

„Ich sehe keine Geschlechter, ich sehe nur Menschen“ negiert die Repressionen von Menschen, die nicht in das binäre System passen. Gleichzeitig entlastet es von der Verantwortung, sich selbst und die eigenen internalisierten Repressionen zu reflektieren.

strukturelle Diskriminierung

Menschen, die nicht in das binäre System passen, werden strukturell unterdrückt. Sie erleben sowohl sexistische, als auch transfeindliche Diskriminierung und haben eine der höchsten Selbstmordraten unter jungen Menschen. Darüber hinaus erfahren sie Psychopathologisierung.

Transgender steht als Identitätsstörung im ICD-10, dem Buch, welches die meisten Arztpersonen zur Diagnostik verwenden. (Positiv anzumerken ist, dass es im ICD-11 nicht mehr vorkommen wird.)

Strukturelle Diskriminierung ist perfide, weil nicht-Betroffene sie in den meisten Fällen nicht wahrnehmen. Selbst wenn sie selbige reproduzieren, einfach, weil sie „normal“ ist. Aber die linke Szene soll plötzlich davon völlig unbeleckt sein?

Dadurch stellen wir uns besser da, als wir sind und behaupten, dass ausgerechnet wir, weil wir ja so unglaublich reflektiert und emanzipatorisch sind, keinerlei Diskriminierungen internalisiert hätten.

Die Arroganz, die aus diesen Sätzen tropft, ist kaum zu ertragen und macht Betroffenen das Leben nur unnötig schwer. Die müssen nämlich trotzdem Bildungsarbeit leisten. Sie müssen damit leben, in Schubladen zu stecken und mühsam wieder rauskrabbeln. Während wir behaupten, völlig ohne Schubladen denken zu können. (Das Schild über der Tür, wir erinnern uns?)

Selbstreflektion bedeutet mehr, als bloß neue Pronomen nutzen zu können und Männer in Röcken nicht auszulachen. Selbstreflektion bedeutet, dass wir alle uns eingestehen müssen, Teil der beschissenen Gesellschaft zu sein und auch Teile ihrer diskriminierenden Grundsätze übernommen zu haben. Erst dann, wenn wir das anerkennen, können wir es ändern.

Vorher reproduziert eins strukturelle Diskriminierungen nämlich einfach mit einem „Ich sehe keine Geschlechter, ich bin nicht so.“. Durch Verleugnung.