Schminke und Adorno.

Es gibt kein Richtiges im Falschen – oder warum die Kücheneinrichtung der fünfziger Jahre auch für den Feminismus gilt. Und was Schminke eigentlich mit Adorno zu tun hat.

Ich könnte damit beginnen, dass bereits meine Überschrift irreführend ist, denn DEN Feminismus gibt es gar nicht. Es gibt unterschiedliche Strömungen und Menschen interpretieren Feminismus unterschiedlich.

Für mich bedeutet Feminismus, dass ich gegen jede Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts bin. Geschlecht ist hierbei das, was Individuen als selbiges bezeichnen. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass wir in einer patriarchalen, transfeindlichen, dyacissexistischen Gesellschaft leben. Somit müssen zunächst die nicht-privilegierten Personen supportet werden. Eine scheinbare Ungleichbehandlung ist nötig, um Gleichstellung zu erreichen.

Sexistische Erwartungen

Frauen wird in dieser, unserer Gesellschaft eine Menge an Ansprüchen mitgegeben: Sie sollen gut aussehen (also dünn, weiß, sportlich, zierlich, symmetrisch, modisch, angemessen geschminkt, etc. pp.), intelligent, aber auch emotional und familiär sein. Sie sollen gleichzeitig für die Familie sorgen (und eine haben wollen), einer Arbeit nachgehen (die höchstwahrscheinlich schlechter bezahlt ist als die von Männern) und dabei auch noch jung und schön (was sich je nach Schönheitsideal durchaus ändern kann) bleiben. Weiblichkeit wird als „schwach“ wahrgenommen und Frauen signifikant häufiger Opfer von sexueller und/oder häuslicher Gewalt (und dann im Zweifelsfall nicht ernst genommen, weil „Frauen sind ja so emotional und denken sich das nur aus“.)

Wer gegen dieses Anspruchsdenken ist, wird meistens Feminist_in. Dabei gibt es verschiedene Strömungen (und einige davon hält die schreibende Person für wirklich schrecklich). Eine Vertreterin einer davon hat vor kurzem einen Text veröffentlicht. Zusammengefasst ist der Inhalt, dass Frauen sich weder schminken noch hohe Schuhe tragen sollten, noch Strumpfhosen oder „hübsche“ Outfits, denn von Männern würde dies ja auch nicht erwartet. Es ist völlig irrelevant, wer das war, die Debatte ist über fünfzig Jahre alt und kommt immer wieder.

Das geht meiner Meinung nach auf vielen Ebenen in die falsche Richtung.

Erstens erleben Männer andere Erwartungen, was das äußerliche Erscheinungsbild angeht und mit Sicherheit sind diese nicht so streng wie bei Frauen, aber sie sind vorhanden. Außerdem macht diese Erwartungshaltung die von struktureller Diskriminierung Betroffenen zu Täter_innen, da sie ja „selbst schuld“ seien, wenn sie sich „freiwillig“ dem Druck des Patriarchats unterwerfen würden.

Strukturelle Diskriminierung

Dabei übersieht diese Analyse, dass strukturelle Diskriminierung, ja, nun mal strukturell ist. Das bedeutet, dass es in diesem System immanent ist, Frauen zu unterdrücken. Ob diese dabei geschminkt sind oder nicht, ist dem System egal. Gesellschaftlich angepasst geschminkte Frauen haben jedoch innerhalb dieses Systems Vorteile, weil sie nach den Regeln spielen. Oder schlicht Spaß daran haben, sich zu schminken. Die Intention ist hier erstmal irrelevant.

Wichtig ist, dass es einfach nichts bringt, Menschen, die in diesem System überleben wollen, für ihren Überlebenswillen zu kritisieren.

Wenn Menschen alt genug sind, dass sie sich übers Schminken Gedanken machen, erlebten sie bereits ihr Leben lang gesellschaftliche Sozialisierung. Herauszufinden, was bei Individuen charakterlich (Spaß am Schminken) und was gesellschaftlich indoktriniert (Frauen schminken sich nunmal gerne) ist, ist unmöglich. Deshalb sollte es auch nicht Ziel einer gesamtgesellschaftlichen Kritik sein. Ich schätze feministische Psychoanalsyse sehr, dennoch ist sie die Grundlage, nicht der Lösungsweg.

Das Problem im Patriarchat sind weder Frauen, die sich schminken, noch Frauen, die das Schminken verweigern. (Die gleiche Diskussion gilt übrigens auch für die Themen Enthaarung, High Heels, kurze Röcke/Kleider, Hotpants und lange Haare). Das Problem ist einerseits, dass Schminken als weiblich konnotiert ist und damit Männer, die sich schminken, abgewertet werden (weil als weiblich konnotierte Dinge grundsätzlich dazu verwendet werden, Männer abzuwerten). Andererseits die Erwartungshaltung, dass Frauen sich schminken MÜSSEN, um im patriarchalen Spiel um Normschönheit mitspielen zu dürfen.

Normschönheit wird belohnt. Aber es kann durchaus ein empowernder, emanzipatorischer Akt sein, sich aus diesem Spiel bewusst herauszunehmen und gegen die gesellschaftlichen Erwartungen zu verstoßen. Inwieweit das möglich ist, ist eine andere Diskussion.

Problematiken

Kein emanzipatorischer Akt dagegen ist es, Frauen vorzuwerfen, dass sie Mittel und Wege wählen, die nicht die eigenen sind. Auch nicht, sie als „Opfer des Systems“ abzuwerten.

Anstatt von Frauen zu erwarten, dass sie sich den Männern anpassen, wäre eine grundsätzliche Analyse von Männlichkeit und Weiblichkeit notwendig. Dazu gehören natürlich auch Erwartungshaltungen und Sozialisation. Alternativ ein Aufbrechen von weiblich konnotierten Handlungen/Verhaltensweisen durch Männer, damit die Abwertung aufgrund von zugeschriebener Weiblichkeit nicht mehr funktioniert. Lackierte Nägel und Lippenstift für alle!

Schminke und Adorno

Womit wir übrigens bei den Küchenmöbeln der Fünfziger angekommen sind, denn Adornos berühmt-berüchtiger Ausspruch „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ bezieht sich auf ebenjene Inneneinrichtung. Ein Leben innerhalb dieser sei nicht möglich. Natürlich ist das eine Metapher, aber auch „Schminke und Adorno“ ist eine. Der Satz „es gibt nichts richtiges im falschen“ wurde so oft in beliebigen Kontexten verwendet, dass er selbt beliebig wurde.

Allerdings lässt sich dieser Satz wunderbar in weitere Kontexte einfügen. Somit gibt es für Frauen tatsächlich in dieser Gesellschaft keine Möglichkeit, frei von patriarchalen Strukturen zu leben. Bleibt als einzige Möglichkeit eine Veränderung der Gesellschaft, frei von patriarchalen Zwängen und Sexismus.

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