Berlin, 27.05.2018

AfD wegbassen!
Unter diesem Motto rief ein Zusammenschluss aus antifaschistischen Gruppierungen und der Berliner Clubszene gemeinsam zum Protest gegen den „Marsch auf das Kanzleramt“ auf. Dafür hatte die AfD deutschlandweit mobilisiert, schlussendlich konnte sie zwischen 2000 und 4000 Menschen und ein Meer aus Fahnen aufbringen.
Die Zahlen des Gegenprotests schwanken zwischen 40.000 und 72.000 Menschen. Für Communique war @wolkenfluff unterwegs, tatkräftig begleitet von @subversivaktiv, @log_vogel und @coopa_22. Ich danke euch für eure Hilfe mit und für diesen Artikel!)

Klingt erstmal gut, war aber frustrierend. Die Stimmung auf der Demo, die am Hansaplatz startete und am Brandenburger Tor endete, war herausragend, die Menschen tanzten. Mehrere Lautsprecherwagen waren im Einsatz, mindestens einer davon hatte sich auf die Fahnen geschrieben, keine Redebeiträge von cis Männern durchführen zu lassen – die waren nur für die Funktionstüchtigkeit des Lautis zuständig. In den Redebeiträgen wurden ausnahmsweise auch Roma mit unter die Anwesenden gezählt, was leider immer noch zu selten vorkommt. („Wir sind queer, wir sind hetero, wir sind migrantisch, wir sind Romnija, wir sind Berliner_innen, wir sind Zugezogen, wir sind schwul, lesbisch, bisexuell…“)

Das grundsätzliche Gefühl ähnelte eher einem politischen Rave oder der CSD Parade in Berlin, weniger einer organisierten Demo mit dem Ziel, die AfD zu blockieren. Das sich viele Teilnehmer_innen nicht an das Demo 1×1 hielten, hat die Situation nicht verbessert. (Hier nochmal der Link für alle, die sich noch einmal vergegenwärtigen wollen, was auf Demo NICHTS zu suchen hat: Kurzes Demo 1×1) Gerade Glitzer, Make-Up, Alkohohl und Ähnliches sind verdammt gefährlich, sollte es zum Pfeffersprayeinsatz kommen!

Auch die Tatsache, dass die Lautis bereits vor dem sowjetischen Ehrendenkmal zurückgelassen werden mussten, hat die Situation sehr unübersichtlich gemacht. Eine Polizeikette sperrte die Lautis aus, die Teilnehmer_innen ohne Motorantrieb konnten jedoch problemlos hindurchfließen – bis zur nächsten Absperrung einige hundert Meter weiter. Dort blieb nur der Weg durch den Park, welcher komplett mit Bauzäunen umstellt war. Es blieb unübersichtlich und voll, die AfD stand schlussendlich am Brandenburger Tor, von allen Seiten gab es lautstarken Gegenprotest, aber sie konnten dennoch sowohl ungestört laufen als auch reden. (Von einem Zwischenfall abgesehen, als eine Person ihren Lautsperecherturm erkletterte, um ihnen kurzzeitig den Saft abzudrehen. Props an die Aktion!)

Abgeschirmt wurde mit mehreren Hundertschaften, Wannen und berittener Polizei, die am Ende, als die AfD bereits abgezogen war und Menschen in den Absperrungskorridor wollten, um sich zu verteilen, mit unzufriedenen, beinahe steigenden Pferden vor sitzenden Demonstrierenden standen. Eine Situation, die sowohl gefährlich, als auch vollkommen unnötig war.

Bei der Abreise der Teilnehmer_innen der AfD-Demo am Bahnhof Friedrichsstraße kam es dann noch zu Zusammenstößen mit Gegendemonstrant_innen. Während der Veranstaltungen war die Polizei mit Pferden und Wannen sehr bemüht, die gegensätzlichen Parteien getrennt zu halten, am Bahnhof wurde dies dann zeitweise völlig aufgegeben und die beiden Gruppen zwischenzeitlich in die gleichen Züge gelotst, was zu tumultartigen Szenen führte, bei denen angeblich ein Nazi leicht verletzt worden ist. Ca. 200 Gegendemonstrant_innen im Bahnhof teilten den Nazis deutlich mit, was sie von ihnen hielten. Draußen wurden währenddessen unter starktem, behelmtem Polizeischutz der restliche Teil der Nazis in den Bahnhof geleitet, gefolgt von ca. 100 Gegendemonstrant_innen.

Dabei war es der Staatsgewalt nicht möglich, deeskalierend zu wirken. Die Stimmung heizte sich auf, als von Seiten der Behelmten Schläge und Tritte gegen Demonstrant_innen ausgeteilt wurden. Filmende und Parolen rufende Personen wurden mittels BFE-Einsatz aus der Gruppe gezogen, auch unter Verwendung von Schmerz- und Würgegriffen. Ebenso erging es Personen, die zur Untermalung der Parolen auf stehende Containern trommelten. Weitere Informationen über den Verbleib der Festgesetzten sind uns leider nicht bekannt, da wir uns aufgrund von unerwünschter Aufmerksamkeit zurückzogen.

Anders verhielt es sich dagegen am bzw. im Hauptbahnhof, wo eilends hinzugerufene Hundertschaften aus Berlin & BaWü eine womöglich intensivere Intervention von Antifaschist_innen gegen Abreisende der AfD-Demo nur mit Mühe verhindern konnten. So kam es, dass die abreisenden Nazis minutenlang von Polizist_innen auf einem Bahnsteig abgeschirmt werden mussten, während mehrere hunderte Aktivist_innen versuchten zu ihnen durchzudringen, deren Abreise zu verhindern und somit letztlich die ein oder andere Flagge sowie diverse Plakate der fachgerechten Entsorgung zuführen konnten. Selbst bei erfahrenen Demoteilnehmer_innen sorgte das Szenario von eingekesselten Rassist*innen, die in einer riesigen Bahnhofshalle von mehreren Etagen minutenlang mit wütenden „Alerta Antifascista“ & „Ganz Berlin haszt die AfD“ Rufen bedacht werden, für so etwas wie Gänsehaut.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass Berlin zwar viel Spaß gemacht hat, politisch jedoch eine Enttäuschung war. Die Nazis könenn laufen und reden und wir tanzen dagegen in unseren Untergang.