Vom Druck der Solidarität

Solidarität muss praktisch werden!
Hoch! Die! Inter/Antinationale! Solidarität!
Solidarität ist eine Waffe und wir wissen ganz genau, wie man sie gebraucht!

Solidarität. Menschen helfen einander, nicht, weil sie es müssen oder aus kapitalistischen Gründen, sondern, weil sie es wollen.

Eine Person braucht Hilfe, die andere Person gibt Hilfe. Grundprinzip der meisten linken Strömungen, ob Kommunismus oder Anarchismus.
Strukturell gesehen eine große Gefahr für den Kapitalismus, denn funktionierende soziale Netze, die ohne Wachstums- und/oder Gewinnabsicht auskommen, machen dieses Wirtschaftssystem grundsätzlich überflüssig. Globale Solidarität ist das Gegenteil von Ausbeutung und neoliberalen Zwängen.

Eine großartige Theorie, die ich sehr schätze. Ich spreche oft in Vorträgen über Solidarität, solidarisches Miteinander und gemeinsames Schaffen des „Guten Leben für Alle“. Aber dann fällt mir wieder auf, dass vor allem die Perspektive jener in den Fokus rückt, die „solidarisch geben“.
In Zeiten einer weltweiten Pandemie sind das jene, die für andere Menschen einkaufen gehen, die Risikogruppen unterstützen, die Menschen von A nach B fahren, damit diese nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Gefahr ausgesetzt sind, sich anzustecken.
Es sind Menschen, die ihr eigenes Sozialleben zurückschrauben, um andere Menschen zu unterstützen/nicht zu gefährden.

Es wird als selbstverständlich dargestellt diese Solidarität zu bekommen – und das sollte es auch sein.

Dennoch sind wir alle in einer Gesellschaft sozialisiert worden, die „Schwäche“ ablehnt und den neoliberalen Anspruch des „eigenen Glückes Schmied“ als einzige Möglichkeit vertritt. Solidarität ist verpönt und das spüren vor allem Menschen, die auf Solidarität angewiesen sind.

Es ist solidarisch, die Musik leiser zu drehen, wenn die Nachbarn aufgrund der Vibration nicht schlafen können.
Aber die Person, die nicht schlafen kann, fühlt sich möglicherweise als Belastung, weil sie nie gelernt hat, dass ihre Bedürfnisse valide sind.

Es ist solidarisch, die Risikogruppen nicht noch größerem Risiko auszusetzen.
Aber die Person mit Asthma, die gerade die Demos und Aktionen von zu Hause aus verfolgt, fühlt sich womöglich „nicht ausreichend“ oder „nicht links genug“.

Es ist solidarisch, gemeinsam zu überlegen, wie wir Armut in unserer Peer Group kommunizieren und bekämpfen können.
Aber die Person, welche die meisten Gaben und Unterstützungen erhält, hat vielleicht das Gefühl „nicht genug geben zu können“ und  ihr Umfeld „auszunutzen“.

Solidarität und mildtätige Gaben christlicher Konfessionen hängen geschichtlich eng zusammen, sowohl die „Armenspeisung“ als auch die heutigen Tafeln sind ein Zeichen dafür, dass staatliches Versagen und kapitalistische Ausbeutung durch die Schaffung eines mildtätigen Netzes ausgeglichen werden, woraufhin der Staat auf eben jenes Netz verweisen kann, anstatt selbst in die Pflicht genommen werden zu müssen (oder gar abgeschafft).

Solidarität wirkt der Verelendungstheorie entgegen, schafft Netze und hilft Personen. Dennoch bleibt die Frage im Raum, wie wir Menschen das Gefühl geben können, nichts zurückgeben zu müssen, was sie nicht können?
Arbeit gleichberechtigt zu bewerten, anstatt von allen das gleiche zu fordern?

Jedes nach dessen Bedürfnissen, jedes nach dessen Fähigkeiten und Solidarität muss praktisch werden – wie können wir dies in den Köpfen der eigenen Szene verankern, wie können wir einem linken Imposter Syndrom und dem kapitalistischen Selbstanspruch etwas entgegen setzen?

Schreibt mir auf Twitter, wenn ihr praktische Ideen habt, ich habe nur Fragen.

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