Kritik der „Kritischen Männlichkeit“

„Ich habe meine Privilegien reflektiert und mir ist bewusst, dass dies nicht mein Sprechort ist, dennoch möchte ich sagen…“ – ich verdrehe innerlich die Augen. Ein weiteres Mal habe ich einen „kritischen Mann“ kennengelernt. Kritische Männlichkeit ist mittlerweile in Teilen feministischer Kreise der neue, heiße Shit – ermöglicht sie doch Männern (hier vornehmlich cis Männern), sich aus dem patriarchalen Gefüge herauszulösen und ein besserer, ein kritischer Mann zu werden.

So zumindest die Theorie und die Überzeugung jener, die ihre „kritische Männlichkeit“ wie einen Schild vor sich tragen – siehe mein Exemplar von oben. (Seine gesamte Selbstreflektion hat ihn übrigens nicht daran gehindert, mir danach zu mansplainen, warum ich seiner Meinung nach in all meinen Äußerungen falsch liege. Scheint ja gewirkt zu haben.)

Wir merken, ich bin ein wenig ungehalten. Aber nun gut. Kommen wir zuerst zur Theorie.

Wir leben alle im Patriarchat. Das Patriarchat hat ein sehr enges Bild von Geschlecht und dessen, wie Geschlecht performt werden muss. So werden Männer als stark, durchsetzungsfähig, entschlossen, mutig, objektiv (…) beschrieben – und die Performance dieser Eigenschaften im Umkehrschluss von ihnen auch erwartet. Das Bild von Männlichkeit (und in Abhängigkeit dazu Weiblichkeit) ist dabei gesellschaftlich wandelbar, gleichzeitig bleibt die Aufwertung des Mannes (oder dessen, was als „männlich“ definiert wird) und die Abwertung alles nicht-männlichen (Weiblichkeit, aber auch Queerness und cis Männer, die sich nicht den Erwartungen an Männlichkeit anpassen können/wollen). Männlichkeit ist dabei universell, wir wissen aufgrund unserer Sozialisierung intuitiv „wie ein Mann zu sein hat“, weil es uns bereits von Geburt an wissentlich und unwissentlich beigebracht worden ist. Durch den äußeren Druck und Zwang zur Performance entsteht ein Muster, das als „toxische Männlichkeit“ bezeichnet wird. Namentlich ist es das Konzept, dass unter den Erwartungen an Männlichkeit nicht nur diejenigen leiden, die vom Patriarchat als „das andere Geschlecht“ gekennzeichnet werden, sondern auch diejenigen, die den Zwang zur Performance verspüren. Kurz: Unter dem Patriarchat leiden auch cis Männer, unter Sexismus jedoch nur nicht-cis Männer.

Das Verlernen dieser Erwartungen (die keinesfalls biologisch begründet sind) ist hierbei der Knackpunkt – und da setzt „Kritische Männlichkeit“ an.
Schwerpunktmäßig werden in Vorträgen, Workshops, „kritischen Männlichkeitsrunden“ und den wenigen Büchern zum Thema zunächst die Erwartungen an Männlichkeit analysiert, um sie schlussendlich ändern zu können.

Meist richten sich die Aufrufe dieser Veranstaltungen explizit (und teilweise ausschließlich) an cis Männer, schließlich sind sie diejenigen, um die es hauptsächlich geht. Gleichzeitig geht es in den meisten Runden, die ich erlebt habe, vor allem darum, Einzelfallsituationen und Verhaltensweisen zu analysieren – im besten Fall hat es etwas von Gruppentherapie bzw. Selbsthilfegruppe, im schlechtesten Fall von „wir klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und vermeiden direkte Kritik, immerhin haben wir uns alle schon mal irgendwie mies und/oder diskriminierend verhalten“. Alternativ wird direkte Kritik geübt und dann in die einzelne Verhaltensweise abgetaucht, ergründet, auf welchen gesellschaftlichen Strukturen sie beruht und am Ende ist die Gruppe so weit in den Metaebenen der strukturellen Konstruktionen verschwunden, dass die einzelne Verhaltensweise mikroskopisch klein und unbedeutend wirkt.

Die Gefahr hierbei ist, dass am Ende des Tages zwar sehr viel über strukturelle Diskriminierung, Erwartungen an Männlichkeit, Männlichkeit im Spiegel der Gesellschaft und ähnliche Dinge gesprochen wurde, aber das konkrete Verhalten nicht verändert wird.
„Ich habe meine Privilegien reflektiert“ ist ein hübscher, aber unsinniger Satz, aufgrund der Tatsache, dass die Person jetzt möglicherweise ein erweitertes Wissen gewonnen hat, aber damit dennoch nichts tut.
Die reine Nabelschau der eigenen Privilegien ändert weder an den Privilegien, noch an den diskriminierenden Strukturen oder den Verhaltensweisen der einzelnen Person etwas – im Gegenteil. Gleichzeitig wird diese Reflektion als Argumentation verwendet, um die eigene Machtposition zu sichern, ohne sie als Machtposition anerkennen zu müssen – die Arbeit (namentlich die Erkenntnis der eigenen Privilegien) wurde schließlich bereits getan.

Die Erkenntnis, Teil einer diskriminierenden Struktur zu sein (gleichzeitig als Profiteur und als Betroffener) ist schmerzhaft, der Widerspruch schwierig auszuhalten. Gleichzeitig betrifft diese Struktur sowohl Vergangenheit, als auch Gegenwart und ist schwierig bis unmöglich von Charakter und Sozialisierung der einzelnen Person zu trennen. Dennoch ist diese Trennung notwendig, um aus der Analyse konkrete Verhaltensweisen ableiten zu können.

Beispielsweise hilft es nicht, zu wissen, dass cis Männer durchschnittlich einen höheren Redeanteil haben als nicht-cis Männer – die Frage ist auch, woher dieser Redeanteil kommt und etwas dagegen tun zu können. Ähnlich verhält es sich mit der Erkenntnis, dass cis Männern selten bis nie beigebracht wird, auf konstruktive Weise über Emotionen zu reden. Die Sozialisierung als cis Mann sieht diese Verhaltensweise schlicht nicht vor (und die Sozialisierung von nicht-cis Männern, sich vor allem um die emotionalen Belange ihrer Mitmenschen zu kümmern, tut ein übriges). Bleibt die Frage: Wer bringt diese Verhaltensweise bei? Wie wird diese Verhaltensweise produktiv?
Wie trennen wir die emotionalen Bedürfnisse gegenüber nicht-cis Männern von dem Anspruch, dass diese von der emotionalen Arbeit ent- und nicht belastet werden? Wo beginnen unsere Bedürfnisse, wo endet unsere Sozialisierung? Wie kann das getrennt werden, ohne, dass sich Personen in der Analyse und Nabelschau völlig verzetteln?

Diese Fragen werden in den meisten Kontexten, die sich mit „Kritischer Männlichkeit“ beschäftigen, im besten Fall angerissen, nicht aber intensiv beantwortet. Hier spricht eine Gruppe von Menschen, die ein pro:feministisches Café organisiert hatten, von ihren Erfahrungen mit kritischer Männlichkeit – und spart dabei nicht mit Selbstkritik.

Schwerwiegender ist die Auswirkung von „Kritischer Männlichkeit“, wenn selbige als Waffe wahrgenommen wird, um die eigene Machtposition zu sichern. Die Erkenntnisse werden dann dazu verwendet, sich besonders „woke“ und „reflektiert“ darzustellen, um die eigenen Bedürfnisse (emotionaler und politischer Literatur) in den Vordergrund zu rücken. Hier ist ein sehr guter Artikel, der sich mit linken Männlichkeitsbildern auseinandersetzt und diese kritisch beleuchtet.
Gleichzeitig haben diese Männer das Vokabular erlernt, um ihre Bedürfnisse nicht „mackerhaft“, sondern „bedürfnisorientiert“ zu kommunizieren – und am Ende doch diejenigen zu sein, welche eine Debatte dominieren. Kritik wird dann mit emotionaler Verletzlichkeit abgewehrt und die Verantwortung für einen liebevollen, freundlichen Umgang denjenigen gegeben, welche kritisierten – was das Eingehen auf Kritik elegant vermeidet. Schließlich geht es dann nicht mehr um inhaltliche Fragen, sondern um Emotionen – und die BeKümmerung selbiger. Es wird Sprachkritik noch und nöcher geübt – aber die Strukturen bleiben die gleichen.

Statt Nabelschau und Sprachkritik – für eine effektive Änderung der Verhältnisse!

 

 

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