Awarenessarbeit – Partypolizei mit Machtgelüsten

Wir brauchen kein Awarenessteam. Wir sind doch schon alle aware und passen gut aufeinander auf!

Sagen wir so, meine Sympathie mit den Veranstaltenden war zu dem Zeitpunkt ohnehin auf den Grad flüssigen Stickstoffs gesunken, aber ich war ja nicht da, um den Veranstaltenden zu gefallen, sondern, um meinen Job zu machen.

Mein Job nennt sich „Awarenessarbeit“. Awareness kommt aus dem Englischen und bedeutet soviel wie „Achtsamkeit“. Im deutschen Sprachgebrauch wird damit eine Sensibilität gegenüber strukturellen Diskriminierungen und sexualisierter Gewalt gemeint. Ein Awarenessteam soll also dafür sorgen, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt und/oder Diskriminierungen einen Anlaufpunkt haben, an den sie sich wenden können.

Gleichzeitig ist ein Awarenessteam nicht dazu da, betroffene Personen zu trösten oder mit ihnen über ihre Erfahrungen zu diskutieren, sondern die Veranstaltung zu einem sichereren und diskriminierungsärmeren Raum zu machen.

Es gibt verschiedene Varianten, wie Awareness aussehen kann – ich persönlich habe eine sehr spezialisierte und konkrete Vorstellung davon, wie sie auszusehen hat, biete in meinen Workshops aber auch immer die jeweiligen Alternativen an.

  1. Definitionsmacht: Definitionsmacht (oder DefMa) ist ein Konzept, dass Betroffenen eines diskriminierenden Übergriffs und/oder sexualisierter Gewalt die alleinige Macht darüber gibt, einen Übergriff als Übergriff zu bezeichnen. Entwickelt wurde das Konzept, um patriarchalen Strukturen (victim blaming) und bürgerlichen Gesetzestexten eine alternative, autonome und empowernde Möglichkeit entgegenzusetzen. Es ist also nicht Aufgabe des Awarenessteams, die Darstellung der betroffenen Person zu hinterfragen. Sie gehört als gegeben hingenommen.
  2. Machtgefälle. Nein, Awarenessteams sind nicht dazu da, dass sich „alle“ wohlfühlen. Wir sind dafür da, dass sich „vor allem Marginalisierte“ wohlfühlen können. Wir sind nicht die Schlichtungseinrichtung und wir sind nicht dafür da, auszudiskutieren, „ob das jetzt wirklich schlimm war“. Unser Job ist es, Marginalisierte zu schützen und zu unterstützen. Wer sich konfliktscheu zurückzieht und den Nazis die Tanzfläche überlässt, weil sie ja individuell noch nicht übergriffig geworden sind, der macht seinen Job falsch. Ja, Awareness schafft ein Machtgefälle. Dieses Machtgefälle gleicht (wenn auch nicht mal annähernd) das strukturelle Machtgefälle aus, das sexualisierte Gewalt und Diskriminierungen unterstützt und schützt.
  3. Awareness ist Arbeit. Wir sind meistens diejenigen, die Ahnung von Substanzenkonsum haben müssen (weil wir vor allem auf Partys zwangsläufig diejenigen sind, die auch Menschen mit Überkonsum betreuen), die sich mit Gewalt auskennen, die strukturelle Diskriminierung erkennen und benennen müssen und die (teilweise über Stunden) mit Betroffenen in engem Kontakt stehen.
    Awarenessarbeit ist anstrengend, belastend (physisch und psychisch) und sollte definitiv nicht von Leuten gemacht werden, die als letzte an die Nasenspitze getippt haben, als die Frage aufkam, wer „heute Abend die Awareness macht“.
    (In Teams, in denen ich arbeite, gibt es für neue Menschen ein Tandemprinzip, damit Leute voneinander lernen können. Außerdem ist die Faustregel „zwei Menschen pro Floor“, damit ausreichend Ressourcen für Fälle zur Verfügung stehen.)
  4. Awarenessarbeit ist kein „Trost“. Wir sollen strukturelle Probleme auf eine individuelle Situation anpassen und erkennen und danach eine Lösung für die Situation finden, welche die Diskriminierung mit einbezieht. Es geht nicht (nur) darum, einer Person über den Rücken zu streicheln und ihr zu sagen, dass alles wieder gut wird – es geht darum, der Person zu ermöglichen, eine machtlose Situation in eine zu verändern, in der sie Selbst_Ermächtigung erfährt. Der Übergriff ist in den meisten Fällen etwas, womit Betroffene aufgrund der gesellschaftlichen Struktur ohnehin dauerhaft konfrontiert werden – bei Awareness geht es darum, den Kreislauf der „ich wurde in eine machtlose Situation gebracht – niemensch hilft mir – ich bleibe allein und machtlos“ zu durchbrechen und Selbst_Ermächtigung zu fördern.

Eine letze Anmerkung noch zu dem Typen aus dem Eingangszitat: Wenn hier alle so aware und achtsam wären, wie du glaubst, hätte ich nicht bereits zu Beginn der Party zwei Shoa-leugnende-Hippies der Veranstaltung verweisen müssen. (In diesem Fall auch wichtig: Eine Security, die das Awarenesskonzept unterstützt.)

 

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