Trans und Autist_in – ein Spagat zwischen zwei Welten.

Stell dich nicht so an, du willst doch Toleranz.

Twitter (anonymisiert)

Ich brauche den Unterstrich zwischen Autist und _in, um mich repräsentiert zu fühlen. Ich bin nicht nur Autist oder Autistin, ich bin nichtbinär – und Autist_in.

Ich habe mein Leben lang (gut, seitdem ich fünf Jahre alt war) mit unterschiedlichen Diagnosen gelebt. AD(H)S war dabei, Borderline, histrionische Persönlichkeitsstörung, Depression – letztere ist mir geblieben, alles andere wurde mehr oder weniger ausprobiert und als unpassend verworfen. Das AD(H)S erst, als auch der zweite Versuch mit einem Ritalinpräparat gnadenlos und grandios schief ging.

Die Therapeutin, bei der ich war, um meine Transgeschlechtlichkeit pathologisieren zu lassen (und die das sehr wohlmeinend und umsichtig getan hat), hat mir außerdem Fragebögen mitgegeben zu Auffälligkeiten, die ihr ebenfalls aufgefallen waren. Dabei: ein Fragebogen zu Essstörungen (das war mir bekannt, dass ich damit Probleme habe) und ein Fragebogen zu Autismus (das war neu).

Der letzte Fragebogen brachte dann den sprichwörtlichen Stein ins Rollen – ich überschritt die Grenzwerte so deutlich, dass sie mir eine Diagnostik bei einem Autismus-Spezialisten nahelegte. Schlussendlich suchte ich einen auf. Noch mehr Fragebögen.

Fragebögen, deren Fragen für mich so formuliert waren, dass ich mehrmals schreiend auf dem Sessel saß, voll Verzweiflung, weil sie keine passende Antwortmöglichkeit boten, weil sie nicht nachvollziebar waren, nicht logisch genug. („Sind Sie nachtragend?“ – Ich weiß es nicht. Was meint die fragenstellende Person mit „nachtragend“? Ab wann ist ein Verhalten „nachtragend“? Bis wann ist es angemessen, Menschen ihre Taten vorzuhalten? – ein Beispiel von vielen, jedoch eines, das mir als besonders schwierig in Erinnerung geblieben ist.)

Außerdem persönliche Interviews, es wurde mit mir gesprochen, mit meinem Vater, die Kindheit wurde komplett aufgerollt, meine Mobbingerfahrungen, die Menge von Freund_innen, mein Sexual- und Beziehungsleben. ich musste zeigen, wie ich mir die Zähne putze, das beschreiben, Comics beschreiben und Puzzles lösen. Am Ende blieb ein Gutachten, das Asperger-Syndrom bescheinigt – kurz: Autismus.

Jetzt hatte ich einen Namen für das, was mich „anders“ machte. Ich verstand, warum ich mich in den meisten Gruppen und bei Gruppenarbeiten schnell unbeliebt machte, warum ich dissoziierte, wenn ich ohne Kopfhörer draußen unterwegs war, warum ich so dringend Routinen in meinem Leben brauchte. Gleichzeitig nahm ich Testosteron, änderte meinen Personenstand und meinen Vornamen, wurde zu MIR.

Ich sah Bilder von mir, als ich Kind und Jugendliches war, ich sah, dass ich nicht in das erwartete Geschlecht passte, ich performte es nicht. Ich erinnerte mich, wie ich gesellschaftliche Konventionen, Smalltalk und „typisch dörfliche“ Höflichkeit (die ich eher als übergriffig empfand) nie verstanden hatte – oder gar selbst darstellen konnte.

Ich hatte Worte gefunden. Worte, die mich zu mir machten.

Gleichzeitig las ich Bücher über Autismus, die das Thema „trans“ nie auch nur anschnitten und Bücher über Transgeschlechtlichkeit, in denen Autismus nicht vorkam.

Ich war nicht vorgesehen und jedes Mal fehlte von mir ein Stück, das aber gleichzeitig inhärent wichtig war, um meine Weltsicht darzustellen.
Neurotypische trans Personen erleben die Welt anders als ich – und cis AutistInnen ebenfalls.

Selbsthilfegruppen für AutistInnen waren transfeindlich – absichtlich oder unabsichtlich oder wollten sich gar nicht mit dem Thema befassen. Nachdem ich zu oft misgendert wurde oder nach meinen Genitalien ausgefragt, ging ich nicht mehr hin.

Gruppen für trans Personen waren offener, gleichzeitig wurde oft und viel auf einer emotionalen Ebene kommuniziert, zu der ich keinen Zugang habe. Dadurch kam es vor, dass ich Menschen verletzt habe, ohne es zu wollen, weil ich nicht kommunizieren konnte, ohne missverstanden zu werden – ein Problem, das viele Autist_innen ebenfalls kennen.

Ich lese vermehrt, dass sich autistische Kinder und Jugendliche für trans halten würden, um Anschluss zu finden, um Zugang zu Hilfe zu erhalten und „vorschnelle, lebensverändernde Maßnahmen“ ergreifen würden. Gleichzeitig wäre es tragisch, dass diese Kinder „nur noch“ eine trans-Sichtweise kennenlernen würden. Das macht mich fassungslos. Ich weiß nicht, in welcher Welt diese Menschen leben, aber ein als AutistIn diagnostiziertes Kind wird höchstwahrscheinlich nicht in einer Welt aufwachsen, in der Transgeschlechtlichkeit der „übliche“ Lebensweg ist.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die trans Community nicht unbedingt ein rosafarbener, fluffiger Raum voll Liebe und Zuneigung ist – und als neurodiverse Person macht 1 sich auch nicht unbedingt Freund_innen, wenn grundsätzliche Ebenen der Kommunikation nicht betreten werden können. Warum sollte also der Rückhalt einer autistischen peer group verlassen werden, um eine trans Gruppe zu finden, in der eine Person im Zweifel unerwünscht und unglücklich ist – wenn die Person cis ist?

Trans zu sein, ist kein Zuckerschlecken und um „lebensverändernde“ Maßnahmen zu ergreifen, stehen Psycholog_innen, Mediziner_innen, geltendes Medizinrecht (Operationen frühestens mit der Volljährigkeit) und eine argwöhnische Gesellschaft dem gegenüber.

Es ist anstrengend, misgendert zu werden, sich selbst einen Platz suchen zu müssen, öffentliche Toiletten nicht benutzen zu können. Das machen Menschen nicht, weil sie es können oder es Spaß macht.

Es gibt sogar Studien, die eine Korrelation zwischen trans und Autismus erkennen.1 Ich möchte nicht, dass Kinder in dem Klima aufwachsen, in dem ich aufgewachsen bin.

Ich möchte, dass sie alle Optionen haben. Trans zu sein, autistisch zu sein, in beiden Fällen Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Wenn sie sich gegen eine Transition entscheiden, wenn es „nur eine Phase“ ist, dann ist es gut. Auch in einzelnen Phasen des Lebens sollen Menschen alle Unterstützung bekommen, die sie brauchen und wollen. Und wenn sie sich für eine Transition entscheiden, auch dann sollen sie Hilfe und Unterstützung erhalten. Ich möchte mich für Inklusion und Transgeschlechtlichkeit einsetzen können, ohne abwechselnd zurechtgewiesen zu werden, ich wolle doch Toleranz, ich müsse doch mit dem Ableismus/der Transfeindlichkeit zurecht kommen. Ich wäre doch das Problem, ich wolle doch zu viel.

Nein. Ich will das gleiche wie ihr, aber ich muss es an zwei Fronten durchsetzen. Ich will Autist_in sein – trans inklusive. Ich kann nicht einen Teil von mir zu Hause lassen, um Aktivismus in einem Feld zu machen – und dann den anderen Teil mitnehmen, wenn es um ein anderes Thema geht.

Ich schreibe für mich, aber ich schreibe genauso für trans Geschwister und Autist_innen, die ebenso verloren durch zwei Welten irren, die beide nur begrenzt für sie gemacht sind. Und ich schreibe dafür, dass diese Welten lernen, dass es kein „entweder-oder“ sein muss, sondern auch ein „sowohl als auch“ sein kann.

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