Oh, du Scheußliche – Autismus und Weihnachten.

Falls du dir den Blogpost lieber anhörst, als ihn zu lesen.

Ich habe Angst. Ich muss lächeln. Freude. Da muss Freude da sein. Papa filmt. Ich darf nicht auffallen. Ich packe das Geschenk aus. Es ist Bettwäsche. Ich lächele. Ich freue mich. Ist das so richtig? Ich FREUE mich.

Gedanken an Weihnachen. Ich bin ungefähr sieben Jahre alt.




Weihnachten. Fest der Liebe, des Beisammenseins, des Krippenspiels. Ich mochte das Krippenspiel, ich hab jahrelang mitgespielt. Mir fiel und fällt es leicht, Texte zu lernen, sie auswendig vorzutragen. Und Emotionen und Schauspieltalent verlangt ein Krippenspiel meist nicht.

Danach ging es nach Hause. Es gab Abendbrot und dann die Bescherung. Ich habe immer ein bisschen Angst davor. Ich weiß, dass Freude erwartet wird. Ich kenne die Vorwürfe, man „könne es mir nicht recht machen“. Ich weiß, dass ich „Danke“ sagen muss, aber nur „Danke“ reicht nicht.

Ich muss auch irgendwas mit meinem Gesicht machen. So einen Eindruck darauf hinterlassen, der richtig interpretiert wird. Ich scheitere – alle Jahre wieder. Meine Eltern, meine Großeltern sind unzufrieden. Ich zerstöre das Weihnachtsfest. Ich strahle die „falsche Stimmung“ aus.

Ich weiß nicht, was ich verkehrt mache. Also sehe ich mir Videos an. Ich lerne, welchen Gesichtsausdruck Kinder in Weihnachtsfilmen haben. Ich lerne, welchen Gesichtsausdruck Kinder haben, die Geschenke bekommen. Ich lerne, überschäumende Freude und Dankbarkeit darzustellen, Menschen zu umarmen, zu küssen, mich zu freuen.

Es ist irrelevant, was es für Geschenke sind. Meistens sind es Bettwäsche, Socken oder Unterwäsche. Aber darum geht es ja auch nicht. Es geht darum, dass ich zeige, dass ich mich freue. Das ich das „richtige Gefühl“ vermittele. (Außerdem mag ich praktische Geschenke. Sie haben einen Nutzen und sollen nicht nur hübsch aussehen.)

So, wie es von mir erwartet wird.

Gelobt werde ich dafür, dass ich Geschenke so auspacke, dass das Geschenkpapier wiederverwendet werden kann. Ich bin sehr sorgfältig. Ich reiße keine Geschenke auf wie meine Schwester, ich fummele die Klebestreifen vorsichtig ab. Ich bin stolz auf mich, wenn ich es schaffe, sie zu lösen, ohne das Papier einzureißen oder den Aufdruck abzulösen.

Ich würde dafür auch ein Messer benutzen, wenn ich dürfte.

Aber ich darf nicht, Messer sind zu gefährlich. Ich lächele. Hauptsache, die „richtige Stimmung“ ausstrahlen. Mein Gesicht ist heiß, ich ich habe Kopfschmerzen. Aber die Stimmung, die Stimmung! Bloß nichts falsch machen, nichts ruinieren.

Heute fahre ich nicht mehr zu meinen Eltern. Ich verbringe Weihnachten mit Menschen, bei denen ich nicht maskieren muss. Ich darf mich über Geschenke im Stillen freuen, wie ich möchte. Ich muss mich nicht schlecht fühlen, wenn mich „Schenken“ und „beschenkt werden“ überfordert.

Ich bin in einem zu Hause angekommen, das mich akzeptiert.

Ich weiß, dass es für meine Eltern nicht einfach war. Sie wussten nichts mit mir anzufangen, ich konnte mich nicht verständlich machen. Sie haben ihr Bestes gegeben – ohne zu wissen, was mit mir „nicht in Ordnung“ war. Ich war jahrelang in Therapie, ohne, dass es erkannt worden ist – ich mache ihnen keinen Vorwurf. Ich schreibe nur für die Autist_innen (und Eltern autistischer Kinder und Partner_innen autistischer Erwachsener), die sich in der gleichen Situation wiederfinden wie ich heute.

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