Erlernte Kommunikation – die Grammatik neurotypischer Interaktion

Sei mal höflicher, sei respektvoll! Ich finde wirklich nicht gut, wie du hier mit Menschen umgehst.

A.

Wie?

Ich.

Jetzt wirst du auch noch passiv-aggressiv! Bist du denn gar nicht kritikfähig?!

A.

*verlässt die Gruppe*

Ich.

Eine – für mich – typische Situation, wenn ich (meiner Meinung nach) höflich Kritik geübt hatte. Oder auch nur in Situationen, die ich nicht genau verstanden hatte, nachfragte. Diese Situation findet sich vor allem in näherer Vergangenheit wieder.

Die Schulzeit dagegen war geprägt von Mobbing und Ausschlusserfahrungen, weil ich „anders“ war – und nicht verstanden habe, inwiefern sich meine Andersartigkeit bemerkbar macht. Ich war im besten Fall „seltsam“ im schlimmsten Fall wurde ich bestraft.

Wenn sich dieses Verhalten nach jedem Schulwechsel, jedem Klassenwechsel wiederholt, dann lernt das betreffende Kind (in diesem Fall Ich), dass es definitiv nicht an den anderen Kindern liegen kann – sonst würde der Wechsel ja helfen. Oder, um es mit einem beliebten Zitat meiner Mutter zu sagen:

Im Radio kommt eine Durchsage über einen Geisterfahrer auf der A4. „Einer?! Hunderte!“

Der Geisterfahrer.

Der Witz ist hier, dass dem Geisterfahrer (also der Person, die auf der Autobahn in die falsche Richtung fährt, gar nicht bewusst ist, dass sie die Person ist, die sich falsch verhält – und das auf alle anderen (die sich richtig verhalten) projiziert.

Ich wusste also früh: Es liegt an mir. Nur, was genau ich „falsch“ mache, das konnte mir nicht erklärt werden. Ich hatte das Gefühl, alle anderen Kinder (und mittlerweile Erwachsenen) hatten einen geheimen Lehrgang in Kommunikation, der an mir vollständig vorbeigegangen ist.

Mittlerweile habe ich Worte dafür – und eine Erklärung.

Während neurotypische Kinder in ihrer Sozialisation Zugang auf alle Ebenen der Kommunikation (emotionale Ebene, Beziehungsebene, Mimik und Gestik und Informationsebene) haben, bleibt (verbalen) autistischen Kindern ausschließlich die Informationsebene. Gleichzeitig ist diese ihre natürliche Art der Kommunikation – und somit fällt ihnen zunächst nicht auf, dass es bei anderen Kindern (und Erwachsenen) anders ist.

Später fällt diese „Andersartigkeit“ dann jedoch auf. Doch weil neurotypische Kinder ihre Kommunikation als „natürlich“ empfinden (und ihn der Mehrheit sind), werden autistische Kinder als „anders“ gekennzeichnet.

Das bedeutet, dass ich nichtautistische Kommunikation lernen musste. Wie eine Fremdsprache, deren Feinheiten sich mir nicht immer erschließen und in der ich niemals mit der gleichen Eloquenz ausgestattet werde, wie in meiner Muttersprache, die ich jedoch mittlerweile meistens ausreichend beherrsche, um meine Fremdsprachigkeit zu maskieren.

Der Weg dorthin war lang und schmerzhaft, weil nichtautistische Menschen nicht verstehen, dass das, was ihnen intuitiv zufliegt (beispielsweise ein Verständnis davon zu haben, was „höflich“ und „respektvoll“ sein soll) für mich eine erlernte Verhaltensweise ist, der ich glaubte zu entsprechen.

Mein „Wie“ war also, wenn das auch in der Vorstellungskraft von Nichtautist_innen selten Raum findet, nicht passiv-aggressiv oder verletzend gemeint, sondern rein sachlich: Ich wollte wissen, was die andere Person von mir erwartet, um mein Verhalten entsprechend anpassen zu können. Das kam jedoch (wie häufig) nicht an.

Und mittlerweile bin ich an dem Punkt, dass ich mich nicht mehr „falsch“ fühle – höchstens am falschen Ort und in der falschen Gruppe, aber nicht inhärent aus mir heraus.

Es ist in Ordnung, anders zu kommunizieren als neurotypische Menschen. Es ist nicht per se schlecht; gerade in Kontexten, in denen es darauf ankommt, sachliche Zusammenhänge aus Kommunikation zu filtern, habe ich immense Vorteile. Und auch viele politische Plena würden davon profitieren, wenn Menschen weniger auf der emotionalen Ebene und mehr auf der informativen Ebene kommunizieren würden (anstatt Gewaltfreie Kommunikation anzuwenden).

Gleichzeitig ist es auch in Ordnung, autistische Kommunikation nicht nachvollziehen zu können (ich kann es bei neurotypischer Kommunikation, auch wenn ich gelernt habe, sie nachzuahmen, schließlich auch nicht). Wichtig ist, dass Raum gelassen wird, es zu erklären, anstatt die eigenen Erwartungen auf eine Leinwand zu projizieren, die ärgerlicherweise nicht aus Stoff, sondern aus organischem, menschlichen, fühlendem Material besteht.

Darüber, wie gute Kommunikation zwischen neurotypischen Menschen und Autist_innen (vor allem in Gruppen und politischer Arbeit) funktioniert, könnt ihr hier nachlesen.

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