Eine Perspektive in Zeiten von & mit Corona – Gastbeitrag von Foks

Danke für das Beitragsbild an Das_Anja.

Es sind seit 7 Tagen nur täglich wenige Minuten, die ich ohne Maske verbringe. Ein, zwei tiefe Atemzüge lang, auf dem Balkon, um kurz Pause zu haben.

Eins meiner Kinder ist Risikopatient, hat Pflegegrad 3 & braucht dadurch im Alltag Unterstützung. Die Angst der Ansteckung ist groß, war sie schon, bevor ich infiziert wurde.

Nähe funktioniert nur mit Maske & strikten Hygieneregeln, aber dadurch haben wir bisher eine Infektion verhindert.

Ich erlaube mir heute ein paar Minuten mehr Pause, einmal mehr tief einatmen, es funktioniert wieder ohne Schmerzen, das Fieber ist weg, ich fühl mich nicht mehr so abgeschlagen. Es fühlt sich gut an. Versuche noch einmal, ein paar Reserven zu mobilisieren, um die nächsten 6-7 Tage irgendwie auf die Reihe zu bekommen, in denen wir auf uns alleine gestellt sind, habe Angst, dass die Besserung wieder umschlägt – wie ein paar Tage zuvor.

Mich beschäftigen Gedanken wie, dass ich gespannt auf Jahresstudien zu Corona & Infektionsverläufen bin. Ich kann 1 zu 1 sagen, wo ich mich infiziert habe: Es war in einem Raum, mit Abstand, Maske & Lüften. Derweil häng ich hier mit zwei Kindern seit 7 Tagen in Quarantäne auf engstem Raum, mit Maske, ohne Abstand & Lüften. Beide sind nach wie vor negativ.

Dann geht es weiter mit Gedanken wie, was für Kommentare mir auf dem Weg der Quarantäne zu Ohren kamen: „Krass, du trägst den ganzen Tag Maske, dass könnt ich nicht“
– ein Kommentar dazu von mir: Doch kannst du! Denn es gibt keine Alternative, solange wie eins ansteckend ist, um andere zu schützen.

Dabei gibt es immer noch Menschen, die sich über das Tragen einer Maske, wenn sie mal eben 20 Minuten einkaufen gehen, beschweren. Es macht mich unfassbar wütend, während ich hier in den paar Momenten an der frischen Luft über all die Augenblicke nachdenke, an denen ich bedroht & angegriffen wurde, wenn ich Solidaritätsverweigerer_innen auf das (richtige) Tragen einer Maske hinwies. Es macht mich wütend, wieder einmal zu merken, wie viele Solidaritätsverweigerer_innen da draußen versuchen „für ihr Recht auf Freiheit zu kämpfen“. Wie bewusst diese Menschen mit dem Leben anderer spielen. 

Eigentlich sind Masken vs. Viren nicht das überraschendste Konzept; aber anscheinend ist alles, was zu klein oder zu transparent fürs menschliche Auge ist, irgendwie zu viel Aufwand, auch wenn es tödlich sein könnte (danke an Dr. Carmilla Qarnstein für die geliehenen & so passenden Worte).

Es gibt keine Alternative, das Virus kostet Leben, viele. Es ist lernbar, dass bestimmte Dinge notwendig sind, um Andere zu schützen, weil es für diese lebensnotwendig ist & ich würde mir wünschen, dass das ein paar mehr Menschen begreifen.

Ich muss seit 7 Tagen, infiziert, meine Kinder versorgen, beschäftigen, eins teilpflegen. Ich suche noch ein wenig die Ironie in den Worten, ich solle mich so gut es geht von meinen Kindern isolieren, ausruhen, alles regelmäßig desinfizieren. Dabei bin ich froh, wenn ich hier für regelmäßige Mahlzeiten & Beschäftigungen sorgen kann, während mein Körper vor sich hin fiebert, Atmung schwer fällt, während mein Gehirn mir eine Predigt darüber hält, dass ich funktionieren muss, dass die Kinder nicht zu lange digitalen Medien ausgesetzt werden sollten, Homeschooling stattfand & noch vielen weiteren Erwartungen, die an Elter(n) gestellt werden.

Ich habe einen relativ milden Verlauf, dass ist Glück, denn ich wüsste nicht, wie all das Alleinerziehende bewältigen sollten, wenn es schlimmer kommt. Nach außen hin wirkt mein 15jähriger Sohn oft sehr selbstständig, aber viele haben einfach keine Vorstellung davon, was Pflege alles beinhaltet: Es fängt beim Essen an & hört nicht bei Hygienedingen vor- & nachbereiten auf. Du musst eine halbwegs ok Tagesstruktur & Beschäftigung aufrechterhalten, die sonst von den Einrichtungen, die dafür ausgebildet sind, erledigt wird & das ist nur ein kleiner Auszug. Dabei geht es nicht nur um Corona, sondern ist eine immer wiederkehrende Frage, wenn Alleinerziehende krank werden, nur das jetzt eine 100% Isolation von der räumlichen Außenwelt dazu kommt.

Ohne das seit Jahren aufgebaute, praktisch solidarische Netzwerk könnte ich das nicht so gut bewältigen. Auch wenn hier, auf den paar Quadratmetern, uns niemand helfen kann, niemand sagt: „Ruh dich aus, kurier dich“, ist das doch etwas, was sehr hilft. Es fängt bei der Lebensmittelversorgung an, geht über ‚fertige Mahlzeiten vor der Tür abstellen‘, über Gespräche die für ein wenig mental health sorgen, bis hin zu Menschen, die selbst schon Corona hatten, für die es möglich wäre, Kinder aufzunehmen, um diese zu schützen, aber auch, falls Infizierte schwerere Verläufe haben, für Entlastung zu sorgen. 

Ein weiterer Gedanke ist, wie das Risiko andere zu infizieren, minimiert werden könnte, wie gegenseitiges Entlasten in verschiedenen Bereichen möglich gemacht werden kann.

Dazu braucht es ein Umdenken, es braucht eine Gesellschaft, die das System umlenkt, damit Menschen dafür Raum bekommen oder sich diesen endlich nehmen & nicht nur für Staat, Miete & Kapitalismus funktionieren.

Ein praktisch-solidarisches Miteinander aufzubauen braucht Zeit, es gibt viel Theorie dazu, aber mehr denn je rückt in den Mittelpunkt, dass diese auch praktisch umgesetzt werden muss, in diesen Umständen, in dieser Zeit und ich bitte jede_n sich selbst zu hinterfragen, inwiefern das mit den eigenen Kapazitäten möglich werden kann & nicht nur eine immer wiederkehrende Utopie bleibt.

Für ein praktisch solidarisches Miteinander & um Leben zu retten.

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