Eisblumen II

You must be fun at parties.

Tinder-Typ.

Selbst ich weiß, dass das oben genannte Zitat kein Kompliment ist. Selbst ich, das Sarkasmus vor allem dann erkennt, wenn er mir frontal ins Gesicht schlägt, weiß, dass dieser Satz verwendet wird, um Menschen abzuwerten.

Allerdings… er hat nicht unrecht. Nicht, dass ich auf allzuviele Parties gehen würde oder mit allzuvielen Menschen Kontakt hätte, aber wenn, dann ist „fun“ tatsächlich der falsche Begriff. Ich bin gut darin, Dinge (vor allem politische Dinge) zu erklären und schlecht darin, Smalltalk zu machen. Noch schlechter bin ich nur darin, einzuschätzen, was Menschen vor mir denken. RICHTIG GUT dagegen darin, das von allen Seiten zu überdenken, ohne zu einem Ergebnis (außer Angst und Unsicherheit) zu kommen.

Kürzlich schrieb ich auf Twitter:

13 Jahre Mobbing haben mich perfekt auf die Pandemiesituation vorbereitet.

@wolkenfluff

Die Schulzeit war eine Hölle auf Raten, trotz sieben Schulwechseln und zwei Klassenwechseln – ich war fehl am Platz. Aber wusste ja keins, dass ich Autist_in bin, also war ich nur „merkwürdig“ und „anders“. Kinder können grausam sein, wenn es darum geht, merkwürdige Kinder für ihr Sein zu bestrafen – und sie waren es, jahrelang und genüsslich.
Ich hab es überlebt, paar Narben (physische und psychische) sind geblieben. Nun gut, kannste nichts machen.

Während sich andere Menschen auf den ersten Partys betrunken haben, geknutscht, getanzt, sich gestritten und wieder vertragen, bin ich zu Hause geblieben und habe gelesen. Ich habe beeindruckend viel gelesen, aber ich hatte ja auch ausreichend Zeit dazu – die übliche Zeitverschwendung durch Freund_innenschaften und soziale Kontakte fiel weg.

Das ist bis heute geblieben – doch ich werde nicht mehr gemobbt.
Ich bin gut in dem, was ich tue, ich werde für meine Meinung, meine Ansichten und meine Einschätzungen geschätzt. Menschen fragen mich um Rat, ob ich Teil ihrer Projekte sein möchte oder brauchen Hilfe dabei, ihre Hosen zu flicken. Ich habe soziale Kontakte, politische Kontakte, Arbeitskontakte.
Ich bin nicht mehr allein, zumindest nicht „allein, allein“.

Manchmal – derzeit verstärkt – fällt mir auf, dass ich trotz allem diese sozialen Kontakte wie durch eine Glasscheibe betrachte. Ich bin Teil des Raumes, nicht aber der Gruppe. Ich mache Awarenessarbeit auf Partys – damit bin ich anwesend, aber kein Teil des Publikums. Ebenso in politischen Gruppen oder beim Kummerkasten. Ich bin allein, ohne allein zu wirken.

Es ist ein sicherer Ort, ich kenne das Protokoll, ich weiß, was von mir erwartet wird. Es ist auch ein einsamer Ort, weil ich beobachte zwischenmenschliche Kommunikation und kann mir einbilden, ich wäre nicht außen vor – aber ich weiß es besser. Aber es ist immer noch besser als die echte Einsamkeit, die, die ich in den dreizehn Jahren Schulzeit erlebt habe.

Ich habe letztes Jahr das erste Mal über meine Gefühle als Risikogruppe während der Pandemie geschrieben, ihr findet den Text unter Eisblumen.
Jetzt ist Januar. Die Pandemie geht ins zweite Jahr, ich sitze am Fenster. Die Eisblumen sind nicht mehr nur metaphorisch, sie ranken sich auch physisch am Fenster entlang. Schön. Aber kalt. Und nass.

Ich beobachte neurotypische Menschen. Ich sehe ihre Interaktionen miteinander. Ich verstehe sie nur nicht.
Ich fühle mich in den meisten sozialen Interaktionen unwohl, unbeholfen, fehl am Platz. Ich bin verunsichert, ich weiß nicht, was von mir erwartet wird. Es gibt kein Protokoll, ich kann nicht abgleichen, ob ich es „richtig“ mache. Diese Unsicherheit, diese Emotionen, dieses „sich ständig hinterfragen“ ist anstrengend und deshalb ziehe ich mich oft und immer öfter freiwillig hinter die Glasscheibe zurück. Ich habe aufgegeben, Teil der Gruppe sein zu wollen und bin zufrieden mit der Außenseiterposition – rede ich mir ein. Es ist immer noch besser als die Alternative, dieses echte „allein, allein“.

Und wenn ich mich genug anstrenge, dann mögen mich Menschen zumindest für das, was ich tue. Was ich kann. Was ich leiste. Sie laden mich zu Vorträgen ein, sie hören mir zu, sie lesen meine Texte. Das ist besser als nichts. Ich sollte zufrieden sein. Dieses „mehr“, das ich glaube, bei anderen zu sehen, dieses „Ich habe Freund_innen“, das ist bestimmt nur eine Projektion, das will ich gar nicht wirklich. Das ist alles nicht real und ich bin glücklich dort, wo ich gerade bin. Bestimmt.

(Nein, ich wäre gerne irgendwo willkommen. Aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll. Ich bin nicht gut darin, mich bei Menschen zu melden oder freundschaftliche Kontakte zu pflegen. Ich bin gut in beratender Arbeit und ich bin gut darin, mit Menschen Sex zu haben. (Das ist einfach, da gibt es ein Protokoll.) Alles dazwischen fühlt sich an wie ein Tanz über Glasscherben. Ich bin auch nicht gut darin, um Hilfe zu bitten, weshalb ich zwar über Einsamkeit schreibe, aber keine Ahnung habe, was ich dagegen tun soll.)

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