Masken, maskieren, demaskieren.

Warst du heute irgendwie sauer? Du hast ausgesehen, als ob du [Dozentin] fressen wolltest!

Kommilitone

Nein. Nein, ich war nicht sauer, ich hatte bloß nicht genug Energie übrig, um im Shutdown dafür zu sorgen, dass neurotypische Menschen weiterhin denken, ich wäre neurotypisch.

Dieses Verhalten von Autist_innen wird „maskieren“ genannt – wir setzen eine Maske auf, damit wir mit Menschen so interagieren können, dass diese uns für nicht allzu seltsam halten – oder gar für „normal“, also neurotypisch.

Maskieren kostet Energie, an guten Tagen etwas weniger, an schlechten Tagen mehr und an ganz schlechten Tagen (die, die schon den Tag über mit mehreren Meltdowns einhergingen, weil die Batterien leer sind) ist dafür keine mehr übrig.

Ich weiß nicht, wie mein Gesicht aussieht, wenn ich nicht mehr maskiere. Ich habe nicht die Kraft, mich darum zu kümmern, deshalb lasse ich es einfach leer werden, anstatt „passende“ Mimik zu regulieren. Gleichzeitig bekomme ich regelmäßig die Rückmeldung, ich hätte „wütend“ ausgesehen oder „böse“ oder eben, als ob ich andere Personen hätte „fressen wollen“.

Und am Ende sorgen diese Unterhaltungen dafür, dass ich doch wieder mehr maskiere. Das ich meine Grenzen noch ein bisschen weiter dehne, damit ich NT nicht erklären muss, dass das, was sie für Wut hielten, ein Ausdruck grenzenloser Erschöpfung war. (Ich bin normalerweise sehr gut darin, zu maskieren. Ich bin sehr gut darin, dass (vor allem) NT nicht wahrnehmen, wie es mir geht. Ich kann zehn Minuten nach einem Meltdown mit einem fröhlichen Lächeln vor der Kamera sitzen und einen Vortrag halten – weil ich mich zusammenreißen kann. Das hat Jahre an Druck und Therapie gekostet, das zu erlernen und jetzt kann ich es nicht mehr verlernen. Scheiße gelaufen, Pluspunkt für neoliberale Verwertbarkeit.)

Ich bin der Meinung, dass es für die meisten Menschen keine Rolle spielen muss, wie es mir geht und meine Emotionen bei mir am besten aufgehoben sind. Ich kenne die meisten Menschen, die ich kenne, aus Arbeitskontexten. In denen möchte ich nicht erklären, warum und wieso es mir schlecht geht, dass ich (mal wieder) haarscharf an der Grenze zur Suizidalität entlangschramme und meine Grenzen völlig überzogen habe. Außerdem habe ich ohnehin keine Worte dafür, andere Menschen stressen mich und in Eisblumen II gibt es die ganze Grundlage, warum „ich jammere und schütte mein Herz aus“ eher keine Option ist.

Ich bin da, um eine Leistung abzuliefern und meinen Job zu machen. Und ich denke, dass ich in den meisten Fällen meinen Job sehr gut mache (zumindest gebe ich mir alle Mühe). Mein Job besteht oft darin, für andere Personen da zu sein und deren Problemen zuzuhören. Da haben meine Emotionen und meine Überlastung schlicht und ergreifend keinen Raum, solange (und das ist mir wichtig) ich meine Arbeit mit gleichbleibender Präzision erledige.

Ja, es gibt Ausnahmen. Tage, an denen ich meinen Job immer noch sehr gut erledige, aber nicht die Energie habe, die Maske aufrecht zu erhalten.

Eine Forderung von Teilen der Autismus-Communitiy ist „Take the masks off“, bzw. „die Maske absetzen“. Das wir unsere Kraft nicht darauf verschwenden müssen, für neurotypische Menschen „angenehm“ auszusehen, sondern sie auf inhaltliche Arbeit verwenden können.

Ich kann meine Maske nicht bewusst absetzen. Sobald ich mit Menschen zu tun habe, die nicht mit mir zusammen wohnen, maskiere ich. (Ansonsten würde ich sehr oft in Erklärungsnot geraten, wie es mir geht und damit kann ich nicht umgehen. Ich kann das nicht erklären. Es ist zu viel, es wird Menschen nerven und am Ende sind alle wieder böse. Das will ich nicht.)

Ich weiß auch nicht genau, worauf ich mit diesem Text hinauswill. Ich kann nicht unterscheiden, ob Menschen wirklich daran interessiert sind, wie es mir geht oder ob das eine höfliche Floskel ist, die mit höflichen Nichtigkeiten beantwortet werden soll (der Einfachheit halber gehe ich grundsätzlich von letzterem aus, immer). Wenn sie es wirklich wissen wollen, tut es mir leid – ich kann mit eurer Aufmerksamkeit nicht umgehen. Das ist so viel soziale Interaktion und Anteilnahme, ich kann das nicht. Siehe Eisblumen II.

Eine Freundin hat mein Kommunikationsverhalten mal mit „Ich weiß jetzt zwar genau, wie deine letzten Tage waren, aber immer noch nicht, wie es dir geht.“ beschrieben und das trifft es ganz gut. Ich kann nicht sagen, wie ich mich fühle, weil das meist selbst nicht ganz klar ist, aber ich kann beschreiben, was ich getan habe – und den meisten Menschen reicht das.

Ich bin selten wütend. Ich bin oft erschöpft, ich bin gut darin, mich theatralisch aufzuregen, aber ich bin nicht wütend. Und wenn ich wütend bin, kommuniziere ich das meist deutlich. Ich weiß auch nicht, wie mein Gesicht aussieht, wenn ich keine Maske trage, es ist dann nur endlich mal entspannt, weil ich meiner Mimik keine Form mehr gebe. Ich bin erschöpft. Ich bin müde. Ich schreibe diesen Text, während mein Gesichtsfeld flimmert und ich einen Tunnelblick auf den Bildschirm habe.

Vielleicht wirke ich von außen wütend. Ich tippe schnell, ich wirke fokussiert. Ich bin müde. Und erschöpft. Seit Wochen, Monaten.
(Weil ich mir keine Pause gönne, weil ich dann in Einsamkeit ertrinken würde und das noch schlimmer klingt.
Ja, ich sehe die Ironie und die Probleme selbst, ich kann sie nur nicht lösen. Tja. Erneut: Blöd gelaufen, aber neoliberale Selbstausbeutung läuft.)

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