autistisch-aktivistischer Burnout

Ich kann nicht mehr.

Diesen Satz habe ich in den letzten paar Monaten sehr, sehr oft gesagt. Manchmal habe ich ihn geschrien. Ab und zu habe ich ihn nur gewimmert oder geflüstert.

Am Ende konnte ich doch immer noch. Noch ein Stück. Noch ein paar Tropfen Kraft, noch ein Löffel aus dem letzten Ende der Besteckschublade geholt.

Bis… Ja, bis vor zwei Wochen. Da war dann wirklich „Schicht im Schacht“ (Redewendung). Ich hab einen kurzfristigen Termin bei meiner Hausärztin gemacht, bekam TAVOR verschrieben.

„Zwei Wochen nehmen, dann absetzen. Vorsicht, das hat Suchtpotential. Pass auf dich auf!“

Hausärztin.

Außerdem die nachdrückliche Aufforderung (nachdem ich letztes Jahr schon mit „Erschöpfungssyndrom“ insgesamt vier Monate am Stück krankgeschrieben war, auf mich aufzupassen und das Pensum endlich zu reduzieren.

Nun gut. Ich werde sehen, was ich tun kann.

Analytisch betrachtet ist diese Situation das Ergebnis unterschiedlicher Faktoren:

  1. Der autistische Burnout: Vor allem afab Personen erleiden ihn häufig, weil sie erst spät (oder zu spät/gar nicht) diagnostiziert werden. Weil sie nicht in das Klischee vom „weißen, männlichen Autisten, der sich den ganzen Tag mit Zügen beschäftigt“ passen. Weil ihre Spezialinteressen versteckter sind oder zumindest besser in das gesellschaftliche Bild von „Frauen“ passen. Weil sie soziale Berufe haben und/oder Kinder.
    Gleichzeitig wird von Frauen (und als Frauen gelesene Personen) deutlich mehr emotionale und physische Arbeit erwartet: Sie sollen den Haushalt machen, sich um den Nachwuchs kümmern, arbeiten gehen und dabei NICHT ZUSAMMENBRECHEN. Wie ich in diesem Beitrag bereits schrieb, ist maskieren unfassbar anstrengend. Wenn dann noch die „übliche Routine, erwachsen zu sein“ oben drauf kommt, und nie gelernt wurde, auf die eigenen Bedürfnisse als Autist_in zu achten, dann kommt früher oder später der autistische Burnout. Die Ressourcen sind aufgebraucht, es geht nicht mehr.
  2. Der aktivistische Burnout: „Ich bin mal eben schnell die Welt retten…“ – ups. Emanzipatorischer Aktivismus kostet Kraft. Es ist eine Menge Energie, die dafür aufgebracht wird, sich mit der Welt, der Gesellchaft, den (diskriminierenden) Strukturen und all dem Mist, der den Status quo darstellt, zu befassen. Aktionen dagegen (seien es Bildungsarbeit, Plena, Gruppen, Demonstrationen, Kunstaktionen, Flyer, Plakate… you name it) kosten Zeit, Energie und Geld. Zusätzlich kommen Repressionskosten, Diskriminierungserfahrungen und – irgendwann – eine gewisse Frustration. ES PASSIERT NICHTS. Oder nicht schnell genug. Und die Welt brennt, der Klimawandel schreitet voran, trans Personen begehen Suizid und in deutschen Gefängnissen verbrennen BPoC. DA MUSS DOCH ETWAS GETAN WERDEN! Und dann irgendwann sitzt eins da, hat neun Projekte gleichzeitig, die alle wichtig sind – und kann nicht mehr. Aktivistischer Burnout. Whoop. Whoop.

Und weil ich beides bin, habe ich mir – natürlich – auch beides gleichzeitig gegönnt. (Klingt lustig, fühlt sich aber nicht so an.)

Deshalb wird es hier erstmal ruhiger werden. Ich werde nicht mehr wöchentlich posten können, denke ich.
Es wird Zeit brauchen, um zu heilen. Zeit, die ich eigentlich gar nicht habe, weil ich von meinen Vorträgen, den Workshops und den Unterstützenden auf Steady lebe.
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Ich liebe meine Arbeit und ich möchte sie nicht wegen meiner Erkrankungen aufgeben müssen.
Das steht gerade auf der Kippe, leider.
Jetzt konzentriere ich mich erst mal darauf, mit meinem Autismus ein Leben zu arrangieren, das mir die Selbstständigkeit ermöglicht, ohne mich auszubrennen. Dafür braucht es aber zunächst eine Pause und eine Ladung Löschwasser (Metapher). Bis bald!

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