Die Abenteuer von Jack und New-York-Hardcore-Mann

CN Sucht, Entgiftung, Entzug, Substanzen.

4. Tag der Entgiftung

10.04.21

Wochenende. Normalerweise hätte ich mich spätestens jetzt mit Drugs eingedeckt oder wäre mit einem unerträglichen Kater aufgewacht. Zum Glück nicht hier und nicht heute und auch zukünftig nicht mehr. Samstag und Sonntag finden in der Klinik keine verpflichtenden Veranstaltungen statt und die Mahlzeiten werden etwas später serviert. Dadurch konnte ich das lange Aufbleiben am Vortag mit einer weiteren Stunde Schlaf ausgleichen.

Nach dem morgendlichen Standardprogramm sollte ich bei einer bis acht Verdauungskippe(n) einen äußerst sympathischen Neuzugang kennen lernen. Mir fiel sofort seine kurze, dreieckig abgeschnittene Nylonhose mit weißem Rand auf. Ich daraufhin: „Sag mal, hörst du zufällig Boston-Hardcore?“ „Ne, ich bin eher so der New-York-Typ. Aber geil, dass du sofort Bescheid weißt!“. Nachdem wir uns einander vorgestellt hatten, fing New-York-Hardcore-Mann direkt an über seine liebsten Bands und Festivals zu sprechen. Ich stimmte direkt in seine Aufzählungen mit ein, wir bemerkten schnell die Überschneidungen in unseren Musikgeschmäckern. Im Verlauf des Tages sollten wir uns noch einige Male über den Weg laufen. Seine Musikempfehlungen versüßen mir sogar gerade das Verfassen dieses Eintrags.

Am späten Nachmittag durften wir in einer kleinen Gruppe außerhalb der Klinik spazieren gehen. Aufgrund des Lauftempos meiner Begleiter*innen und unseres Zeitlimits von 25 Minuten sind wir zwar nicht sehr weit gekommen, aber unterhaltsam war es allemal. Im Anschluss hüpfte ich unter die Dusche, wo ich aus voller Kehle meine Lieblingssongs von Todeskommando Atomsturm und Alarmsignal mitgrölte. Das bescherte mir einen wundervollen Anflug von Euphorie, den ich in vollen Zügen genoss. Da der Rest des Tages von sehr viel Leerlauf geprägt war, unternahmen wir sogar noch einen zweiten, sehr ähnlichen Spaziergang. Die Zeit danach verbrachte ich vor allem mit konzert-nostalgischen Gesprächen mit NY-HC-Mann bei unzähligen Zigaretten. Gegen Abend brachte mir ein Freund noch Badekleidung von draußen vorbei, die sich am Sonntag als äußerst nützlich erweisen sollte. Anschließend führte ich im Bett noch einen Video-Call mit einem anderen Freund, der ziemlich verkatert war. Ich machte mich ein wenig darüber lustig und schwärmte von der neu gewonnen Klarheit im Kopf.

Meine Gefühlslage an diesem Tag war ungewohnt stabil und weiterhin positiv, wenn nicht sogar besser als zuvor. Viele meiner Befürchtungen in Hinblick auf den Aufenthalt hatten sich nicht bewahrheitet. Zufrieden schloss ich meine Augen.

Jack.

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