Redebeitrag „the future is intersectional“ – Krüppelaktivismus

Hallo.
Danke, dass ihr alle gekommen seid, danke, dass wir zusammen die Pride radikaler machen. Danke auch an all jene, die heute dafür gesorgt haben, dass ich hier sein kann. Die Menschen, die meinen Aktivismus ermöglichen, weil sie pflegende Angehörige sind, weil sie mein Netzwerk bilden, ohne das ich weder leben – noch aktivistisch sein könnte. Die Menschen, die bezahlte und unbezahlte Sorge- und Carearbeit übernehmen, die Menschen, die unsichtbar hinter mir stehen.

Es gibt einen furchtbar schlechten Spruch: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau.“ Nun, im Fall von be_hinderten Aktivist_innen stimmt das tatsächlich: Hinter jeder/m von uns steht ein Netzwerk, welches uns den Aktivismus erst ermöglicht. Behindertenaktivismus hat einen Bias, den Bias der Überlebenden: Nur diejenigen von uns, die in dieser Gesellschaft bestehen können, sind überhaupt in der Lage, Aktivismus zu machen. Wir können nur deshalb radikal sein, weil wir privilegiert genug sind, überhaupt unsere Stimmen erheben zu können.

Zum Thema Radikalität:

In der ersten Krüppelbewegung Deutschlands gab es den Slogan „Jedem Krüppel seinen Knüppel“, unter dem Stör-Aktionen organisiert wurden, wo die Anliegen behinderter Menschen nicht ausreichend mitbedacht wurden – mittlerweile sind wir eher bei „Aktion Sorgenkind“ (umbenannt in „Aktion Mensch“) angelangt.

Beim Betteln um Menschenrechte, um Menschenwürde. Wir sollen uns einer Gesellschaft gefällig machen, die uns im besten Fall nicht sehen möchte, die uns aussondert in Sonder-Schulen und Heime, im schlechtesten Fall aus bestem Gewissen heraus ermordet.

Am 28. April diesen Jahres wurden vier Menschen im Oberlinhaus in Potsdam brutal getötet. In den Medien wurde von „Erlösung“ oder „Überforderung“ als Tatmotiv gesprochen. Ich widerspreche. Ich bezeichne es als Mord.

Mord an Behinderten, an „lebensunwertem Leben“, das hat Tradition in Deutschland. Eine Tradition, die weit zurück reicht, aber in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Höhepunkt erreicht hat, auf welchem systematisch behinderte Personen ermordet wurden.

Mord aus „edlen“ Motiven, denn so wie wir, so will doch kein Mensch leben – sagen die Gesunden, jene, die Normalität als Norm für sich definiert haben.

Mord als „Euthanasie“, als „Sterbehilfe“, als „milde Gabe“. Mein Leben in den Händen von Menschen, deren Mitleid meinen Tod bedeuten könnte.

Ja, auch meinen. Nicht alle Behinderungen sind sichtbar. Nicht alle von uns nutzen Rollstühle, Rollatoren, Langstock oder ähnliche, sichtbare Hilfsmittel.

Ich bin Autist_in. Der Glottalstop hier ist wichtig, der zeigt meine Nichtbinarität. Ich bin lebende Intersektionalität, ich bin trans und autistisch. Macht das Leben auf jeden Fall weniger langweilig, auch wenn ich weniger diskriminierend bevorzugen würde.
Mein Gehirn funktioniert anders als das jener, welche die Norm setzen. Ungefähr ein Prozent der Weltbevölkerung ist autistisch.

Autismus ist eine Neurodiversität, genauso wie ADHS, aber zum Beispiel auch Legasthenie, Dyskalkulie und Dyspraxie.

Ich benutze zur Beschreibung von Autismus gerne, dass mein Hirn auf Linux funktioniert – in einer Welt, gemacht für Windows-PCs.

Unsichtbare Behinderungen können schützen – aber müssen es nicht unbedingt. Hans Asperger, Namensgeber des mittlerweile überholten Asperger-Syndroms (derzeit ist das alles die „Autismus-Spektrum-Störung“) hat die Kinder, die ihm nicht „gefielen“, die nicht seiner Definition einer „interessanten Störung“ entsprachen, in Krankenhäuser überstellen lassen, in denen die Aktion T4 – die systematische Ermordung von Behinderten während des Nationalsozialismus – durchgeführt wurde. Er war außerdem der Meinung, Autisten (ja, nur Jungen/Männer) hätten keinen Humor. Möglicherweise war er einfach nicht besonders amüsant.


Unsichtbar zu sein, rettet nicht immer.

Es kann auch behindern – ich habe keinen Knüppel, den jemandem ans Schienbein schlagen könnte, wie es einst Franz Christoph mit seiner Krücke bei Bundespräsident Karl Carstens Schienbein tat.

Die damalige Krüppelbewegung war radikal und in einer denkbar schlechten Ausgangslage. „Nicht über uns ohne uns!“ ist eines der Schlagworte gewesen, das wir heute noch verwenden – statt über Betroffene zu reden, soll mit ihnen, den Expert_innen in eigener Sache, geprochen werden.

Das war in den 80ern. Heute stehen weiß-besprühte Rollstühle für ermorderte Behinderte, von denen wir nicht einmal wissen, ob sie überhaupt einen Rollstuhl nutzten. Mittlerweile verrotten diese Rollstühle auf ästhetische Weise im Garten des Oberlinhauses. Ein würdevolles Gedenken sieht anders aus, als die Gedenkobjekte, die Hilfsmittel, von der Natur überwuchern zu lassen.
Die Hilfsmittel. Wird von mir nur eine Brille überbleiben und mein Stimming Schmuck? Werden Diabetiker_innen durch ihre Insulinpumpe dargestellt? Sind wir wirklich nichts anderes, als unsere Hilfsmittel? Tote werden aufgebahrt, an Ermordete wird mit einem Foto gedacht… Ich habe noch nie erlebt, dass ermordeten Gehenden mittels weiß besprühter Schuhe gedacht wurde.

Heute werden noch immer in Werkstätten für Menschen mit Behinderung die Mitarbeitenden ausgebeutet – eine vierzig Stunden-Woche für ein Taschengeld zwischen achtzig und zweihundert Euro. Damit sich sogenannte „Normale“ gut fühlen können, wenn sie Nippes und Weihnachtsgeschenke von „Diesenda“ gefertigt kaufen und verschenken können. Ausbeutung, aber mit einem guten Gewissen.


Darum geht es nämlich tatsächlich: dass sich die „Normalen“, die „Gesunden“ gut fühlen – Behinderte sollen verschwinden, unsichtbar werden, nicht stören. Stören sie, werden sie laut, versetzen sie Hiebe mit ihren Krücken – dann ist der Aufschrei, das empörte Luftschnappen der Mehrheitsgesellschaft spürbar.

Was bilden sich „Dieseda“ eigentlich ein? Sollten sie nicht dankbar sein, dafür, dass wir sie…

Ja? frage ich da. Dankbar für was? Dass ihr uns leben lasst? Dass ihr zwar immer noch Behinderte mittels Pille und Dreimonatsspritze (oder gar Sterilisation) unfruchtbar macht, weil für euch die Vorstellung, dass wir ein erfülltes Sexualleben haben, mit Grauen erfüllt, aber zumindest der Fehler unserer Existenz zumindest nach der Geburt nicht ausgemerzt wird? Außer, es ist Überforderung im Spiel, versteht sich…

Derzeit erleben die 90er modetechnisch ein Comeback – und auch diskurstechnisch. Wir erleben, wie die gleichen Fragen gestellt werden, als wäre es das erste Mal:

Sollten wir die Möglichkeit vorantreiben, pränatal zu bestimmen, ob ein Kind behindert sein könnte? Sollten wir die genetischen Gründe für Autismus suchen?


In den 80ern war es kein Autismus, damals gab es vor allem die pränatalen Untersuchen für Trisomie 21 – auch „Downsyndrom“ genannt. Mittlerweile gehört diese Untersuchung zum Standard, ebenso die drängende Stimme der Ärzt_innen, wenn die Wahrscheinlichkeit anschlägt: „Wollen Sie das wirklich behalten?“

Nun, wollen wir? Wollen wir uns als Gesellschaft behinderte Kinder leisten? Können wir gebärenden Personen die körperliche Selbstbestimmung zusprechen, im Fall eines behinderten Kindes aber absprechen? Können wir Eltern zwingen, behinderte Kinder zu bekommen? Derzeit ist es andersherum. Derzeit wird über die Körper schwangerer Personen per Gesetz entschieden, derzeit sind die Paragraphen 218 und 219a in Kraft, derzeit wird ihnen die körperliche Selbstbestimmung abgesprochen. Eine Abtreibung ist eine Straftat, sie bleibt nur manchmal straffrei – wenn die Fristen und die Bestimmungen eingehalten werden.

Die Fristen und die Bestimmungen stehen fest – außer, es handelt sich um ein behindertes Kind. Diese dürfen, sollen teilweise gar, sogar deutlich länger abgetrieben werden als ihre normalen, normal-gemachten, normal-verdachten Geschwister.

Bereits die Krüppelfrauen hatten mit diesem Dilemma zu kämpfen und auch wir heute können uns nur auf die Lösung einigen, die sie Mitte der 80er vorgeschlagen haben: Eine Abschaffung der Paragraphen 218 und 219a Strafgesetzbuch, aber gleichzeitig keine Unterstützung eugenischer Forschung, eine Abschaffung der Sonderregelungen für behinderte Kinder und mehr Unterstützung für schwangere Personen, bei denen eine Wahrscheinlichkeit für ein behindertes Kind festgestellt wurde.

Wenn zwischen 70 und 90% der cis Frauen, die ein Kind mit Trisomie 21 erwarten, die Schwangerschaft abbrechen, dann ist das ein Symptom einer Gesellschaft, die behindertes Leben als unzureichend darstellt und keine individuelle Verantwortung gebärender Personen!

Radikalität heißt, radikal für das Selbstbestimmungsrecht aller Personen einzustehen. Es heißt, radikal inklusiv zu sein. Die eigenen Räume zu überprüfen.

Warum gibt es kaum sichtbare Behinderte in linken, in autonomen, in emanzipatorischen Räumen? Warum gibt es keine Unterstützung für unsichtbar Behinderte, warum kann das nicht ermöglicht werden? Sind wir so inklusiv, wie wir es fordern, dass die Gesellschaft zu werden hat? Diese Fragen sollten wir uns alle stellen – und nicht nur uns selbst, sondern auch den Verantwortlichen aller Räume, in denen wir uns bewegen – oder bewegen wollen.


Hier gibt es jetzt noch Sticker, auf dass jeder Krüppel seinen Knüppel erheben mag, gegen Ableismus und für praktische Inklusion.

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