Teilzeitleben

Drei Tage Uni in der Woche.
Zwei Tage soziale Interaktion.
Zwei Tage arbeiten.
Dazwischen Pause.
Pause.
Pause.

Leben auf Stillstand, um Energie zu tanken. In meinem Umfeld wird am Wochenende nach Partys gefragt – ich muss Pause machen. Party ist einmal in zwei, drei Monaten ein Ding.
Es wird gefragt, abends spontan an den See zu fahren – ich muss Pause machen. Spontanität ist in meinen Plänen nicht drin. Es wird nach Treffen im Park gefragt – ich muss Pause machen, ich hatte meine zwei sozialen Interaktionen diese Woche schon.

Ich sollte mich nicht beschweren. Denke ich oft. Ich habe die Möglichkeit, zu studieren, selbstständig zu arbeiten, hier zu schreiben. Ich habe die Möglichkeit, Bildungsarbeit zu machen, ab und zu feiern zu gehen, Freund_innen zu treffen. Ich habe Freund_innen. Es könnte – grundsätzlich – alles deutlich schlechter sein.

Ich bin oft müde. Ich hab mir angewöhnt, immer sehr nah an meiner Belastungsgrenze zu leben, um meine Grenzen möglichst effektiv zu umgehen. Ich habe mich noch nicht mit der Tatsache eines Teilzeitlebens abgefunden. Ich erkenne es immer dann an, wenn es mich mit einem neuen Schub Schmerzen ins Bett stopft, wenn mein Körper mir nachdrücklich die eigenen Grenzen aufzeigt, wenn ich lernen MUSS, dass ich nicht mehr kann.

Ich fühle mich zu jung für ein Teilzeitleben. Ich bin gefrustet, genervt, ich habe Angst, dass ich Menschen verliere, wenn ich immer wieder absagen muss.
Ich weiß, dass ich diese Tage vollständiger Ruhe in einem abgedunkelten Zimmer brauche, um am nächsten Tag wieder leben zu können, aber dennoch kommt es mir vor wie verschwendete Zeit, als ob ich nur die Hälfte der Zeit aller anderen Menschen zur Verfügung hätte, weil ich mindestens doppelt so viel Zeit zur Erholung benötige.

Ich bin eigentlich extrovertiert, eigentlich liebe ich es, in Gesellschaft zu sein. Ich bin gerne unter Leuten, ich fühle mich wohl dabei. Vielleicht wäre es einfacher, hätte ich dieses Bedürfnis nicht. (Ich lebe immerhin mit einer Person zusammen, die dieses Bedürfnis überhaupt nicht hat und völlig zufrieden damit ist, alle paar Wochen/Monate direkte, soziale Interaktion mit Menschen zu haben.)

Ich dagegen renne mir jedes Mal wieder an Mauern den Kopf ein – und kann dennoch nicht anders.

Oft werde ich vorsichtig – oder auch weniger vorsichtig – gefragt, ob ich die Pflege wirklich brauchen würde. Ich kann darüber nicht lachen, obwohl es fast lachhaft ist: Als ob der Staat und die Pflegekassen den Pflegegrad zu verschenken hätten oder das tun würden. Kapitalismus, Baby! Ohne Pflegegrad, ohne pflegende Angehörige hätte ich nicht nur ein Teilzeitleben, ich hätte einfach gar kein Leben. Ich hab es ausprobiert, als ich alleine lebte: Entweder Sozialleben oder Uni oder Arbeit. Und da Sozialleben und Freizeit im Kapitalismus am entbehrlichsten sind… fallen sie weg. Möchte da definitiv nicht wieder hin zurück, kein schönes Erlebnis.

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