Meine Grenzen, eure Grenzen – autistische Empathie

Autist_innen sind nicht empathisch, so das herkömmliche Klischee. Wir sind nicht in der Lage, Trost zu spenden (zumindest nicht so, wie neurotypische Leute sich das erwarten) und von emotionaler Kälte (so unser allseits verachteter Hans Asperger). Aber was ist eigentlich Empathie?

Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden.[1][2] Ein damit korrespondierender allgemeinsprachlicher Begriff ist Mitgefühl.

Zur Empathie wird gemeinhin auch die Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen gezählt, zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl.[3] Die neuere Hirnforschung legt allerdings eine deutliche Unterscheidbarkeit des empathischen Vermögens vom Mitgefühl nahe.[4][5]

Wikipedia, ist ja kein wissenschaftliches Arbeiten hier.

Spannend finde ich den ersten Teil, vor allem die Persönlichkeitsmerkmale, Gedanken und Motive anderer Personen zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden.

Oft, wenn ich mit anderen Menschen in Kontakt trete, sprechen wir recht schnell über deren persönliche Belange, ihre Geschichte, aber auch ihre Traumata, ihre psychischen Problematiken und ihren Umgang damit. Ich sage gerne, wie ich Menschen und Situationen wahrnehme – und sehr oft treffe ich damit zielsicher wunde, schmerzhafte Punkte bei meinen Mitmenschen. Ich mache das nicht absichtlich, zumindest nicht insofern, als das ich weiß, dass es sich um wunde Punkte handelt. Ich halte es einfach für einen offensichtlichen Beitrag zur Unterhaltung, für etwas, das anderen Menschen ebenso sichtbar sein müsste wie mir.

Ist es nicht, habe ich schmerzhaft gelernt.

Schmerzhaft, denn Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf meine Art, das für mich offensichtliche, zu benennen. Die eine Hälfte wird wütend, geht und wir haben nie wieder Kontakt. Die andere Hälfte ist sehr dankbar dafür, kann aber auch nicht sagen, warum ich so anders reagiere als die meisten anderen Menschen, mit denen sie vorher gesprochen hatten.

(Eine sehr gute Freundin, die zum gleichen Therapeuten geht wie ich, findet es extrem amüsant, sich vorzustellen, wie wir miteinander umgehen. Ich finde es amüsant, wie sehr sie sich amüsiert, wenn ich es auch nicht verstehe.)

Menschen agieren nicht logisch. Aber ihre Verhaltensweisen, ihr Umgang mit Situationen, beruht auf einem sehr logischen Konzept von Ursache und Wirkung (und von Privilegien und Unterdrückung).
Patriarchale Strukturen sind real und wenn mir ein cis Mann gegenübersitzt, der auf emotionale Anspannung mit Wut reagiert, dann ist es keine Raketenwissenschaft, dieses Verhalten auf patriarchale Strukturen (Emotionen müssen unterdrückt werden, die einzig erlaubte Emotion ist Wut) zurüc kzuführen und zu benennen. Andererseits scheint es durchaus eine Raketenwissenschaft zu sein, immerhin hat das den cis Typen, die ich diesbezüglich kennengelernt habe, noch niemand gesagt.
(Vielleicht, weil Wut oft Angst oder ihrerseits Wut hervorruft und das einer Analyse eher abträglich ist.)

Ich scheine also durchaus empathisch zu sein.

Andererseits, der zweite Teil dieser Definition, mit den eigenen Erkenntnissen „angemessen“ umzugehen, scheint bei mir tatsächlich nicht zu funktionieren. Ich halte die Regeln menschlicher Kommunikation für ein wirres durcheinander, das dreimal zu oft mit Kaffee übergossen und mindestens zweimal an den wichtigen Stellen angekokelt wurde.

Bin ich also empathisch? Vielleicht „zu“ empathisch? Bin ich empathisch aber nicht in der Lage, das eindeutig zu kommunizieren? Bin ich nicht empathisch, aber auf offensichtliche Art und Weise grausam?
Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung.

Wenn ich mit Menschen kommuniziere, dann möchte ich sie bestimmt nicht verletzen. Ich möchte auch nicht, dass sie sich „durchleuchtet“ fühlen, gleichzeitig kommuniziere ich immer aus einer analytischen Ebene heraus. Das macht den Umgang für viele Leute nicht einfacher, ist es doch schlussendlich (wie immer) nicht die übliche Art, mit der neurotypische Leute kommunizieren.

Möglicherweise ist auch das der Grund, warum wir als „nicht zur Empathie fähig“ wahrgenommen werden: Die Erwartungen der meisten Personen, die uns diagnostizieren und wissenschaftlich untersuchen, sind neurotypisch, ihre Kommunikation ist es auch.

3 Kommentare

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Empathie ist nur ein weiterer leerer Begriff, der zur Diskreditierung Autistischer Menschen beitragen soll. Oder gleich unter den größtmöglichen „Red Flags“ (→ „Clairvoyant/Empath“ Communities)

Ich würde eher sagen, dass die neurotypische Idee von „Empathie“ etwas ist, was allgemein unerfüllbar ist und in die übliche Erwartung von „Hellsehen“ hineinspielt.
Alle Begriffe können „leer“ sein, wenn die Definitionen unzureichend sind und sie sind unzureichend, weil NT nicht über ihre Begrenzungen hinausgucken wollen.

Danke für den Einblick in deine Gedanken. Für mich ist das grad sehr erhellend und hilft mir, mein eigenes Erleben einzuordnen.

Ich frag mich oft, woran denn nun diese Empathie zu erkennen sein soll – ich sehe mich selbst als sehr empathisch, aber ich werde oft nicht so wahrgenommen. Für mich offensichtlich deshalb, weil ich nicht so reagiere, wie es mein neurotypisches Gegenüber erwartet.
Beispiel: Eine Arbeitskollegin erzählt mir, dass sie gekündigt hat und in Zukunft anderswo mit einem kleineren Pensum arbeiten wird. Ich weiss, dass sie sich das schon lange wünscht, aber sich bisher nicht getraut hat, es umzusetzen. Also freue ich mich für sie, dass sie endlich den Mut zum Entscheid gefunden hat, und sage ihr das auch. Später sagt sie mir, meine Reaktion habe sie irritiert, es wäre netter gewesen, wenn ich ihr gesagt hätte, wie schade es sei, dass sie wegginge.

Es scheint mir beim Thema Empathie um Erwartungen zu gehen, wie sich dieses „Empathie“ ausdrücken soll – und diese Erwartungen kann ich selten nachvollziehen. Es macht einfach so oft keinen Sinn. Das angeblich Angemessene sieht für mich zu oft aus wie die Kitschversion von Mitleid. Nicht empfunden, aber nach bestimmten Regeln performt.

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