Sozialisiert im Patriarchat

Kürzlich las ich (erneut) diesen Text von Jeja Klein. Jeja schreibt darüber, wie es ist, immer wieder zur Frau gemacht zu werden und selbst wenig tun zu können, dieser Zurichtung von außen zu entkommen. Daraufhin fragte Kim Posster, ob es solche Texte auch in Bezug auf Männlichkeit(en) gäbe – ihm wäre nichts bekannt. Ab jetzt gibt es so einen Text. Oder den Versuch davon. Sozialisiert im Patriarchat, zwei nichtbinäre Perspektiven.

Wir sind zwei nichtbinäre, neurodiverse Menschen. Eins von uns wird innerhalb dieser Gesellschaft zur Frau gemacht, erfährt Sexismus, Misogynie, sexualisierte Gewalt im öffentlichen Raum. Wurde weiblich sozialisiert. Irgendwie.
Das andere nicht. Die Perspektiven der afab Person werden in fett dargestellt, die Perspektiven der amab Person in kursiv. (Eins von uns ist außerdem inter, aber das ist Material für einen anderen Text.)

AFAB

Manchmal will ich nicht mehr trans sein. Testo hat mich mit meinem Körper versöhnt, ich bin zufrieden mit der tiefen Stimme, dem veränderten Körperfettanteil, dem leichten Bartschatten. Es hat meinen Kleidungsstil nicht beeinflusst, ich liebe Röcke, Kleider, Strumpfhosen, Hotpants, Overknees. Es hat meine Füße vergrößert, was meiner Schuhsammlung ein trauriges Grab und ein bewusstes Auferstehen bescherte. Aber solange ich mich nicht anstrenge, werde ich nicht als Mann wahrgenommen – entweder als androgyne Frau, als vorpubertärer Junge oder als trans Frau (ohne Passing). Kommt natürlich immer auch daran, ob ich Binder trage (und mir damit die Brüste flachdrücke) oder BH (und meine Rückenschmerzen sich in Grenzen halten).
(Und wenn ich mich anstrenge, fühle ich mich unwohl und wie verkleidet. Also lasst mir meinen Stil, okay?) Und das ist nur die Außenwahrnehmung. Geht es um Konflikte oder zwischenmenschliche Erwartungen, fühle ich mich immer wieder weiblich sozialisiert.

AMAB

Ich möchte manchmal mehr Bart haben – und manchmal gar keinen. Brüste wären schön und ein bisschen weniger Behaarung. Aber eine Östrogen HRT oder Testoblocker sind nicht der richtige Weg für mich (ich habe es ausprobiert). Eine Testo-HRT, so stark dosiert, dass mir schon wieder Brüste wachsen, klingt manchmal verführerisch. Aber in den meisten Fällen möchte ich mich nicht mit meinem Körper beschäftigten. Es ist so anstrengend. Es gibt für mich keinen „richtigen“ Weg, meinen Körper zu verändern – nur unterschiedlich falsche. Also lasse ich es so, wie es ist.

AFAB

Meine Pronomen sind es/nims oder they/them. Jedes Mal, wenn ich mich vorstelle, muss ich erklären, dass ich trans bin, dass es nicht entmenschlichend ist, über mich mit „es“ zu sprechen und das Leute bitte aufhören sollen, ihre persönlichen Befindlichkeiten diesbezüglich über meine Wünsche zu stellen. Dabei bin ich manchmal höflich und manchmal laut. Danach fühle ich mich schlecht – weiblich sozialisiert. Ich bin in einem dauerhaften Outing-Prozess, es nicht zu tun, ist keine Option, wenn ich nicht jedes Mal zusammenzucken will. Ich habe einen neutralen Namen, selbst, wenn ich mich nicht als „nichtbinär“ vorstelle, kommen Fragen. (Ist das dein echter Name? Wie heißt du wirklich? Wie war dein Deadname?)

AMAB

Meine Pronomen sind er/ihm oder they/them. In den meisten Fällen nutzen Menschen einfach er/ihm. Das ich kein cis Mann bin, ist in meinem Umfeld bekannt, außerhalb dessen bin ich ungeoutet. Aber auch in diesem engen Kreis vergessen Menschen oft, dass ich kein Mann bin. Ich bin ageschlechtlich, ich habe keinen Zugang zu dem Konzept „Geschlecht“. Jeder Erklärungsversuch scheitert an meiner Wortlosigkeit, es korrekt zu beschreiben. Die Zuschreibung überlasse ich deshalb dem außen – wenn ich als Mann wahrgenommen werde, macht mich das dysphorisch, aber in dieser Gesellschaft habe ich nichtsdestotrotz Vorteile dadurch. Ich erlebe Schwulenfeindlichkeit, Femininitätsfeindlichkeit, aber keine explizite Transmisogynie. Ich werde in Ruhe gelassen. Männlich sozialisiert. Ich ertrage lieber, dauerhaft misgendert zu werden, als mich dieser offenen Feindlichkeit zu stellen. Habe die Wahl, zwischen zwei falschen Entscheidungen die zu wählen, die Privilegien mit sich bringt.

AFAB

Ich habe diese Wahl nicht. Manchmal nehme ich them übel, dass they diese, meine Kämpfe nicht führen muss. Ich werde seltener misgendert, aber ich werde immer als „das seltsame Andere“ wahrgenommen. Das Patriarchat macht mich zu einer Frau – oder versucht es zumindest. Und es ist sehr hartnäckig. Leuten ein „Ich bin KEINE FRAU“ entgegenzuschleudern, ist meistens nicht ausreichend. Meine Identität ist in dieser Gesellschaft unerheblich dafür, wie ich behandelt werde.

AMAB

Das Patriarchat macht mich zu einem Mann – und solange ich nichts aktiv dagegen tue, bekomme ich dadurch Raum. Es schließt mich aus FLINTA-Räumen aus (weil diese oft nur für cis Frauen und afab nichtbinäre Menschen wirklich safe sind), aber ich weiß auch meistens nicht, was ich in diesen Räumen soll. Ich bin FLINTA (sogar mehrere dieser Buchstaben gleichzeitig), aber sexualisierte Gewalt erfahre ich nicht. Zwar erlebe ich Transfeindlichkeit, aber auch männliche Privilegien.

Ich werde auf der Straße und in der Gesellschaft nicht sexualisiert. Es ist kompliziert. Die Vereinfachung vieler Diskurse sieht mich nicht vor – und ich nehme nicht teil. Einerseits, weil ich wenig Grund habe, mich zu beschweren, andererseits, weil die Kämpfe meiner afab Geschwister und trans Frauen derzeit wichtiger, lebensbedrohlicher sind. Aber dieses „dazwischen“ ist ebenfalls kein Raum, in dem ich teilhaben kann. Ich bin unsichtbar, unsichtbar in einer Sicherheit in dieser Welt, die nicht selbstverständlich ist. Ich werde oft als schwul oder queer wahrgenommen, auch wenn nur letzteres zutrifft.

AFAB

Für mich waren schwule Räume, tuntige Räume Orte der Selbstermächtigung. Orte, an denen ich sein konnte und mich wohl fühlte. An denen ich nicht sexualisiert wurde – oder in einer Art sexualisiert wurde, die ich wollte. Orte, an denen ich selbst entscheiden konnte, wie ich mit meiner Männlichkeit umgehen wollte und wie viel Weiblichkeit ich zulassen will. An denen maskuline Personen im Kleid keine Lächerlichkeit sind und nicht hinterfragt werden. Tuntige Räume gaben mir immer mehr Sicherheit als sogenannte FLINTA-Räume oder queere Räume – auch aus persönlichen Gründen. Der Umgangston in schwulen, tuntigen Räumen ist für mich gut umsetzbar, gesellschaftliche Konventionen in FLINTA-Räumen erschließen sich mir nicht immer. Und ausgeschlossen zu werden, weil die eigene Kommunikation falsch ist, erlebe ich zu oft (ganz ohne männliche Privilegien).

AMAB

Ich bin männlich sozialisiert. An mich wurde immer eine Erwartungshaltung herangetragen, die mit der, die cis Männer erfahren, identisch ist. Diese Erwartungshaltung konnte ich für mich annehmen, ich hatte aber auch das Gefühl, ich würde von „weiblichen“ Erwartungen eher angesprochen. Wissentlich, dass es Erwartungen sind, die an Frauen gestellt wurden, dennoch überwog ein „ich weiß, was ihr von mir wollt, aber ich finde alles komisch“. Ich fand geschlechtliche Erwartungen, die an mich gestellt wurden, gleichbleibend seltsam. Mein Umfeld hatte damit jedoch einen anderen Umgang als ich.

Mein inneres Outing war eher ein „okay, männlich stimmt nicht, aber weiblich stimmt auch nicht und eigentlich ist es mir egal, und das ist okay“. Ich würde nicht behaupten, dass das eine allgemeingültige Erfahrung ist, die alle amab nichtbinären Personen machen, aber ich kann sie für mich annehmen. Gleichzeitig bin ich kein Mann – ich gehe als einer durch, aber ich bin es nicht. Ich habe kein positives/negatives Verhältnis zu Männlichkeit, ich sehe nur die Erwartungen, das Kommunikationsverhalten, die Unfähigkeiten, die mir durch dieses „für einen Mann gehalten werden“ vermittelt wurden.

Fazit

Sozialisiert werden ist eine individuelle Erfahrung, die gleichzeitig immer wieder auf gesellschaftliche Rollen zurückwirft. Andererseits sind es nicht unsere Identitäten, auch wenn sich Erfahrungen ähneln. Ähnlich wie dieser Beitrag die Erfahrungen von cis und trans Frauen gegenüberstellt, sind auch unsere Erfahrungen teilweise diametral. Wir müssen beide mit der Tatsache leben, niemals als nichtbinär erkennbar zu sein. Gleichzeitig ist es für them einfacher, zum Mann, zum Subjekt gemacht zu werden, denn als Frau, als „das andere Geschlecht“ zu überleben. Unser Umgang ist ein gemeinsamer. Gemeinsam gegen das Patriarchat. Erfahrungen abgleichen. Miteinander leben und kämpfen. Schutzräume schaffen, in denen Nichtbinarität die Norm ist. Und immer wieder kritisch Erfahrungsräume hinterfragen. Nichtbinarität ist eine leere Schablone, es gibt keine Erwartungen, nur Perversität.

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