Autistische trans Menschen – Diagnostik

Eine regenbogenbunte Wolke in Pastellfarben als Hintergrund. Darüber steht in geschwungener Schrift "Alpakas Unfug", darunter ist die Zeichnung eines Alpakas mit einer roten Stirnlocke zu sehen. Links unten steht das Minzgespinst Logo.

Es gibt wissenschaftlich keinen Zweifel daran: autistische Menschen haben eine größere Wahrscheinlichkeit trans zu sein und sich offen so zu identifizieren. Darüber hat Fluff hier ja bereits geschrieben. Wie bei allen Themen rund um Transness ist es ein wenig fraglich, wie viele autistische trans Menschen es tatsächlich gibt. Die Studien decken zwischen 5 und 20% viel ab. Natürlich kann es einfach daran liegen, wer für eine Studie befragt wurde. (Sind die Teilnehmenden aus großen Städten? Sind es deswegen hier mehr trans Menschen als da?) Was sie allerdings alle gemeinsam haben: fast immer sind in Vergleichsstudien autistische Menschen etwa doppelt so häufig trans, wie allistische Menschen.

Das ist ja schön und gut, sollte man meinen. Denn über die Gründe kann man nun lang und breit diskutieren. Vielleicht ist der andere Aufbau des autistischen Gehirns eher Anfällig dazu, dass das Gehirn von der cisgeschlechtlichen Erfahrung abweicht. Vielleicht ist es auch einfach nur so, dass autistische Menschen es eher bemerken oder eher zugeben als allistische Menschen. Darüber können wir auf dem jetzigen Stand der Forschung nichts sagen. Wir können nur diese Korrelation sehen. Und eigentlich soll es darum hier auch gar nicht gehen.

Die trans Diagnose

Nein, eigentlich soll es hier darum gehen, wie mit autistischen Menschen im Zusammenhang mit der trans Diagnostik umgegangen wird. Denn eigentlich sollte man meinen, dass die Herangehensweise wie folgt aussehen sollte: „Wir wissen, es gibt diese Korrelation – also ist es recht wahrscheinlich, dass wenn autistische Menschen zur Diagnostik kommen, es tatsächlich stimmt.“ Doch nichts im Leben ist so einfach – schon gar nicht die trans Diagnostik.

Es wurde schon oft und an vielen Orten darüber gesprochen, wie erniedrigend diese Diagnostik häufig ist und wie sehr viele Psychologen darauf beharren, dass Menschen, die die trans Diagnostik brauchen – sei es, um rechtlich ihr Geschlecht zu ändern, sei es, um weitere medizinische Schritte einzuleiten – sich geschlechtsstereotyp präsentieren sollen und bestimmten anderen Vorurteilen entsprechen sollen. Auch von Missbrauchsfällen im Bereich der Diagnostik wird immer wieder etwas bekannt. Die meistens cisgeschlechtlichen Psychologen haben viel zu oft eine genaue Vorstellung davon, was männlich und was weiblich ist und wer trans ist, muss dem entsprechen. Von den Problemen, als nicht-binärer trans Mensch diagnostiziert und behandelt zu werden, müssen wir gar nicht erst sprechen. Erst vor kurzem bekam ich mit, dass in unserer örtlichen Psychiatrie ein neuer Chefarzt der Meinung war, dass nicht-binäre Menschen „krank“ seien und man diese Einbildung nicht bestätigen dürfte.

Mehrfachmarginalisierung

Allerdings wird das ganze nicht leichter, wenn man als autistischer Mensch versucht, die Diagnose zu bekommen. Dies hat genau zwei Gründe:

  1. Die größeren Probleme als autistischer Mensch sich bestimmten Stereotypen anzupassen.
  2. Die ewige Infantilisierung von autistischen Menschen.

Das erste Thema mag sehr gut mit dem Thema Masking zusammenhängen. Denn was sich allistische Menschen praktisch nie vorstellen können ist, wie anstrengend es ist als autistischer Mensch einfach nur zu existieren. Denn wenn wir einfach nur „wir selbst“ sind, dann stechen wir heraus. Also müssen wir uns anpassen. So genanntes „Masking“, in dem wir versuchen allistisches Verhalten zu emulieren, um nicht herauszustechen. Das ist bereits anstrengend, wie es ist. Darüber hinaus uns dann noch Geschlechtsstereotypen anpassen? Ha! Sonst noch was?

Stereotype und Masking

Wir sehen auch bei vielen cisgeschlechtlichen Menschen natürlich, dass diese sich nicht solchen Stereotypen anpassen wollen. Gerade in der letzten Zeit hat es immer mehr eine Bewegung in diese Richtung gegeben. Dass Frauen Hosen tragen, ist zum Glück schon länger die Norm. Und langsam, langsam sehen auch cis Männer, dass Kleider eigentlich ganz schnieke sein können.

Und warum sollte ein Mädchen oder eine Frau keinen Fußball spielen? Warum sollte ein Mann kein Ballett tanzen können? Warum sollten Jungen nicht mit Puppen spielen können? Warum Mädchen nicht mit Technik? Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Und solange die Menschen cisgeschlechtlich sind, sehen es viele Leute auch ein. Ja, man mag sich darüber beschweren, man mag die Augen drüber verdrehen, doch dem cis Mädchen, das in seiner Freizeit Fußball spielt und Lötet, dem spricht niemand seine Weiblichkeit ab. Und während der cis Junge, der im Kleid mit Puppen spielt, sich leider wahrscheinlich einige abwertende Kommentare gefallen lassen muss (häufig auch in der Familie), so wird, solange er sagt, „Ich bin ein Junge“, dies niemand in Zweifel stellen.

Anders sieht es nur aus, wenn die Person trans ist. Denn der trans Mann, der weiterhin gerne Kleider trägt (dies vielleicht sogar als Mann gerne macht) und mit Puppen spielt, erfährt direkt eine Infragestellung seiner Transgeschlechtlichkeit. Selbiges gilt auch für die trans Frau, die Fußball spielt, gerne Mukkis hat und weder Make-Up, noch Kleider tragen will. Das ist schon per se sehr herabwürdigend – auch für allistische trans Personen. (Kleidung, Hobbys und Make-Up haben kein Geschlecht.) Die Erwartungshaltung an trans Personen in der Diagnostik ist eine Erwartungshaltung an eine Performance geschlechtlicher Klischees. Das ist problematisch.

Hyperfixierung und Reizfilterschwäche

Umso schwieriger ist es aber für autistische trans Menschen. Denn wir haben halt eben diese Art anders zu Denken und uns anders zu interessieren. Wir haben unsere Hyperfixierungen und diese auf eine „geschlechtsübliche“ Hyperfixierung anzupassen, ist nicht immer so leicht. Auch ist Kleidung für uns oft ein sensorischer Albtraum, bei dem bestimmte Kleidung einfach nicht geht. Auch Make-Up kann so ein Albtraum sein. Das Ergebnis: Diese Performance des Geschlechts ist noch einmal wesentlich herausfordernder.

Infantilisierung

Dann gibt es allerdings auch noch das andere Problem: Die Infantilisierung von autistischen Menschen. Denn leider ist auch das ein Dauerthema. Behinderte Menschen werden grundlegend als „kindlicher“ angesehen – unabhängig von der Art der Behinderung. Bis hin zum Absprechen von (geschlechtlichen) Erfahrungen. Und dies gilt vor allem für „Behinderungen des Geistes“. Dazu zählt Autismus ebenfalls, weil „tiefgreifende Entwicklungsstörung“. (Das Thema, ob Autismus überhaupt generell eine Behinderung ist, lassen wir für ein anderes Mal offen.)

Dies führt zwangsläufig dazu, dass autistischen Menschen bestimmte Entscheidungen abgesprochen werden. Frei nach dem Motto: „Die Person kann gar nicht wissen, was si*er will.“ Dies sehen wir häufig in sexuellen Kontexten, aber eben auch in Bezug auf das trans Sein. Denn wenn eine bereits als autistisch diagnostizierte Person sagt: „Ich bin trans.“, wird dies viel schneller in Frage gestellt. „Kann die Person es überhaupt wissen?“. Die eigene Erfahrung von autistischen Menschen wird in Frage gestellt. Ihre eigene Wahrnehmung – alles.

Der harte Weg zur Diagnose

Und ja, leider ist es ein Thema mit dem ich immer wieder konfrontiert bin. Immer wieder höre ich von autistischen trans Menschen, dass sie lange, lange Zeit gebraucht haben, bis sie die Diagnose bekommen haben. Eben aus dem einen oder dem anderen Grund, manchmal auch aus einer Mischung aus beidem.

Dabei sind beide Aspekte Dinge, die so eigentlich nicht länger existieren sollten. Denn warum sollten trans Menschen irgendwelchen Geschlechtsstereotypen entsprechen? Egal ob autistisch oder allistisch. Die Tatsache, dass eine trans Frau weiterhin Hose trägt und Fußball spielt, macht sie nicht weniger trans – nicht weniger Frau! Auch der trans Mann, der gerne Kleider trägt, ist nicht weniger trans und nicht weniger Mann. Und eigentlich, ja, eigentlich sollten wir erwarten können, dass das Leute, die für diese Diagnosen zuständig sind, auch wissen.

Derweil ist das Absprechen der eigenen Erfahrungen und des eigenen Erlebens auf Basis des diagnostizierten Autismus nichts weiter als purer Ableismus. Autistische Menschen können genau so gut, wie allistische Menschen sagen, ob sie eine und welche Erfahrung sie haben – auch in Bezug auf ihr Geschlecht und ihre Sexualität. Ihnen das abzusprechen ist ableistisch. Nein, autistische Menschen sind keine „ewigen Kinder“. Das ist eine Darstellung, von der wir endlich wegmüssen.

Macht es einfacher!

Entsprechend: Es gibt wissenschaftlich bewiesen eine Korrelation zwischen trans Sein und Autismus. Doch obwohl diese Korrelation bewiesen ist, zeigt sich dies leider soweit nicht in der (deutschen) trans Diagnostik. Denn anstatt dass es autistischen Menschen leichter gemacht wird, an die Diagnose zu kommen, erschwert man ihnen den Zugang. Zum einen Aufgrund sehr spezifischer Erwartungen in der Diagnostik – zum anderen aber auch aufgrund des immer noch weit verbreiteten anti-autistischen Ableismus. Das muss sich ändern.

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