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Hochbegabung – ein Mythos

Lasst uns doch einmal über das Konzept Hochbegabung sprechen, das vor allem im Kontext mit Kindern gerne aufgegriffen wird. Das „hochbegabte Kind“ ist ein Kind, dass einen IQ-Test mit einem sehr guten Ergebnis (über 120 IQ-Punkte) abschließen kann. IQ steht für „Intelligenz-Quotient“, bei der es um eine angebliche Normalverteilung von Intelligenz geht. Tja, nur gibt es da ein Problem: Der IQ ist nicht real – und eigentlich, ja, eigentlich sind die meisten dieser „hochbegabten Kinder“ auf die eine oder andere Art und Weise neurodivers.

Ich selbst wurde mit 7 Jahren als „hochbegabt“ diagnostiziert. Die Ironie: Eigentlich war ich gar nicht beim Arzt deswegen. Ich war beim Arzt, weil mehrfach die Vermutung geäußert worden war, dass ich autistisch sein könnte. Nur war ein Teil der Autismusdiagnose für Kinder auch ein IQ-Test und damals bekam ich bei diesem 127 Punkte. Meine Mutter beschloss daraufhin das „hochbegabtes Kind“ viel besser klang als „autistisches Kind“. Also war ich hochbegabt. Hochbegabung als Möglichkeit, Behinderung auszudribbeln.

Die Zahlen und ich.

Natürlich war da die Sache, dass ich immer schon sehr gut mit Zahlen konnte. Ich war 3,5 Jahre alt, als ich das kleine 1×1 problemlos rechnen konnte. Zur Einschulung konnte ich bereits geteilt bis 100 rechnen, den Dreisatz und Prozentrechnung. Auch diverse physikalische Sachen konnte ich bereits berechnen. Wie man Geschwindigkeiten berechnet, habe ich mir mit 5 von ganz allein hergeleitet. (Wenn es „km/h heißt, muss es wohl Strecke durch Zeit sein“.) Allerdings nicht, weil ich „hochbegabt“ war, sondern weil für mein autistisches Hirn Zahlen eine Möglichkeit waren, die Welt zu verstehen. Auch lesen konnte ich schon und habe es viel gemacht – auch Sachbücher. Wie gesagt, ich brauchte einen Zugang zur Welt um mich herum und das war die Art wie ich es gefunden habe.

Die Konsequenz war natürlich Mobbing. Von Mitschüler*innen und der Klassenlehrerin, die dafür kein Verständnis hatte. Hochbegabung klingt nur bei Eltern gut, nicht bei Gleichaltrigen. Wer Verständnis hatte, war die Kunstlehrerin – und die sah mich an und dachte nur: „Autistisch.“ Womit sie recht hatte. Daher am Ende der Test und das Ergebnis „Hochbegabung“.

Doch an dieser Stelle kommen wir bereits zum ersten Problem mit IQ-Tests. Diese sind vor allem sehr gut für Leute, die gut mit Mathematik, Logik und räumlichen Denken sind. Sprachfähigkeiten werden nur eingeschränkt abgefragt. Kreatives Denken gar nicht. Klar, denn wie soll man anhand eines Testes Kreativität objektiv bewerten? Der große Aspekt an Kreativität ist doch, dass man außerhalb einer Box denken kann.

Hochbegabung im Verein

Nach dem Test wurde ich Teil des „Vereins für hochbegabte Kinder“. Wahrscheinlich das Beste, was mir in meiner Kindheit passiert ist. Aus dem einfachen Grund, dass die meisten anderen Kinder in diesem Verein – Überraschung – auch neurodivers waren. Deswegen konnten wir miteinander auf eine Art kommunizieren, die mit neurotypischen Menschen nicht möglich war. Oder, anders ausgedrückt: Wir haben uns dort stundenlang gegenseitig mit unseren aktuellen Hyperfixierungen zugelabert. Aber das tat gut. Über Hyperfixierungen reden tut gut. Darüber bin ich auch an Pokémon gekommen – und dadurch an meine spätere Hyperfixierung Digimon.

Die Sache ist nur, dass weder ich, noch die anderen Kinder in dem Verein „hochbegabt“ waren. Wir waren nur neurodivergent und haben zu großen Teilen die entsprechende Hilfe nicht bekommen. Stattdessen sind sie auf Basis des „Hochbegabungslabels“ einem noch größerer Druck ausgesetzt. Von einem hochbegabten Kind wird nun einmal mehr Leistung erwartet, als von einem Kind, das eventuell die Diagnose ADHS oder Autismus bekommen hätte. Etwas, woran gerade viele Kinder, die ADHS und/oder Autismus haben, schnell kaputt gehen können.

Hochbegabung und Neurodiversität

Es gibt mittlerweile wissenschaftlich fundierte Ergebnisse, dass Erwachsene, die als Kinder als „hochbegabt“ diagnostiziert wurden, mit höherer Wahrscheinlichkeit psychische Krankheiten entwickeln. Krankhafter Perfektionismus, Imposter Syndrom, verschiedene Zwangsstörungen und Depression sind häufig. Denn auf Grund des Drucks, den sie als Kinder erfahren bestimmte Leistungen zu erbringen, internalisieren sie eben diesen.

Durch die verstärkte Forschung von Neurodiversität ist mittlerweile klar, dass Hochbegabung oft eine solche ist. Selbst wenn sie nicht in die üblichen Bereiche von Autismus und ADHS passen: „Hochbegabte Kinder“ haben in der Regel ein Gehirn, das die Welt um sie herum anders versteht. Zum Beispiel eben, wie ich als Kind, über Zahlen.

Natürlich ist es so, dass das neurodiverse Gehirn auf der einen oder anderen Seite des IQ-Spektrums enden kann. Denn IQ-Tests sind allgemein fehlerhaft. (Das ist noch einmal ein eigenes Thema, über das ich in einem eigenen Beitrag sprechen werde.) Der Test möchte ein paar bestimmte Dinge sehen. Logik, Mathematik, Zahlen, räumliches Denken, Mustererkennung. Aber eben auch auf eine bestimmte Art und Weise.

Die Zahlen und der IQ-Test.

Die Mustererkennung ist ein klassisches Beispiel. Ein Freund von mir war erst als „minderbemittelt“ eingestuft worden. Denn wie er die Zahlen und Muster gelöst hatte, war nicht „richtig“ nach dem Test. Bis irgendwann ein Student in der Klinik darauf gekommen ist, dass er nicht auf der Basis von grundlegender Mathematik, sondern auf Basis von komplexeren mathematischen Lösungen daran gegangen ist. Mathematisch kann aus einer endlichen Zahlenreihe eine unendliche Anzahl von möglichen Fortführungen begründet werden. Er – diagnostiziert mit ADHS und Autismus – hatte schlicht und ergreifend eine komplett andere Wahrnehmung von Zahlen. Konnte dadurch auch höhere Mathematik verstehen. Der Test es jedoch nicht abbilden.

Genau so habe ich auch in meiner Ausbildung einen Kollegen, der mit einem IQ von 76 die Schule vor Hauptschulabschluss abgebrochen hatte. Letzten Endes hatte er jedoch nur extremes ADHS und war nicht fähig, in der Schule oder beim IQ-Test konzentriert zu bleiben. Zur Überraschung von fast allen hat er die Ausbildung dann mit gutem Erfolg (also besser als 85% der Teilnehmer*innen) abgeschlossen.

Mythos Hochbegabung

Was ich sagen will: Es gibt „Hochbegabung“ in diesem Sinne nicht. Vor allem gibt es keine „hochbegabten Kinder“. In den meisten Fällen ist es nur die eine oder andere Form von Neurodiversität. Statt diese entsprechend zu behandeln, werden Kinder häufig unter Druck gesetzt. Immerhin sind sie hochbegabt und sollen deswegen große Leistungen bringen. Ihnen wird mit Enttäuschung begegnet, wenn sie diese nicht bringen können. Dies sorgt auf kurz oder lang für eine höhere psychische Belastung und führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu psychischen Krankheiten im Erwachsenenleben. Eine Anpassung ihrer Umgebung würde ihnen viel eher helfen.

Die Aufteilung von Kindern in „hochbegabt“, „normal“ und „lernbehindert“ tut niemandem einen Gefallen. Sie sorgt nur dafür, dass Kinder in Boxen gepresst werden, weil das System dies erfordert. Natürlich ist eine gewisse Förderung gut. Wenn ein Kind die Welt über Zahlen versteht, dann gebt dem Kind Bücher mit Rechenaufgaben. Wenn ein Kind viel liest, dann gebt ihm einen Bibliotheksausweis. Aber das Kind deswegen als „anders“ zu behandeln, schadet ihm am Ende mehr, als dass es etwas nutzt.

Und IQ. Nun, das Konzept IQ ist von Anfang bis Ende problematisch – ableistisch, rassistisch, sexistisch.

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