Was ist eine Behinderung? Das kommt darauf an. Die Definition des Wortes “Behinderung” hängt davon ab, welchem Modell zum Begriff gefolgt wird.
Dabei gibt es unterschiedliche Modelle. Aus einer medizinischen Perspektive stammen das individuelle (medizinische, individualisierte) und das relationale Modell von Behinderung. Aus dem Bereich der Disability Studies wurden das soziale Modell, das Minderheitenmodell, das kulturelle Modell, das affirmative Modell und das Menschenrechtsmodell entwickelt. (Hirschberg, 2022)
Die bekanntesten Modelle sind das Medizinische (individuelle, individualisierte) und das Soziale Modell. Zusätzlich stelle ich noch das Menschenrechtliche Modell vor. Was es mit diesen Modellen auf sich hat und inwiefern sie relevant für die Autismus-Community sind, das machen wir jetzt.
Historische Einordnung
Wichtig für den Überblick über Modelle zu Behinderung ist zuerst, dass diese aus unterschiedlichen Richtungen entwickelt wurden. Das erste Modell war das medizinische Modell, das von einem Rehabilitierungsansatz ausging: Mit genügend Unterstützung und Anpassung kann ein behinderter Mensch wieder am sozialen Leben teilhaben.
In den 1980er Jahren entstand in Großbritannien und den USA die Richtung der Disability Studies. Dort wurde das Soziale Modell von Fachkräften und Wissenschaftler*innen entwickelt, die gleichzeitig Aktivist*innen der Behindertenbewegung waren. Im Unterschied zum Medizinischen Modell gab es also einen Perspektivwechsel, statt “auf Betroffene” wurde “von Betroffenen” geblickt.
In Deutschland bildeten sich in den 1970er Jahren die Krüppelgruppen, die einen radikalen Diskurswechsel im Begriff und dem Umgang mit dem Thema Behinderung forderten. Hier sind auch die Krüppelfrauen zu erwähnen, die als eine der ersten Gruppen Feminismus und Behinderung gemeinsam dachten.
Die Modelle
Eine Vorbemerkung: Die Modelle sind nicht abgeschlossen und es handelt sich hierbei um Vereinfachungen und Kategorisierungen. Zur Vertiefung empfehle ich die verwendeten Quellen sowie deren Primär- und Sekundärquellen.
Das Medizinische Modell
Das medizinische Modell wird auch als individuelles oder rehabilitationswissenschaftliches Modell bezeichnet. Es geht von der Prämisse aus, dass (vor allem körperlich und/oder gesundheitlich) behinderte Menschen durch entsprechende Gesundheits- und Arbeitsmarktprogramme wieder funktionsfähig gemacht werden könnten (Waldschmidt, 2005).
Dadurch wird vor allem auf die Defizite (also die Abweichungen von der Belastungsfähigkeit) geblickt und die Wiedereingliederung sowie die Anpassung der behinderten Person an die Mehrheitsgesellschaft und deren Norm gefordert.
Menschen sind also behindert, als ein unauslöschbarer Zusammenhang zu ihrer körperlichen Abweichung und eine dadurch entstehende Tragödie, die am besten behoben werden sollte. Behinderungen werden als defizitär betrachtet. Waldschmidt fasst es wie folgt zusammen: Das individualistische Modell setzt Behinderung mit der körperlichen Schädigung oder funktionalen Beeinträchtigung gleich und deutet sie als schicksalhaftes, persönliches Unglück, das individuell zu bewältigen ist. Die Gesellschaft kommt bei diesem Modell nur insofern ins Spiel, als allgemein vor-
handene Vorurteilsstrukturen als hinderlich für das individuelle Coping-Verhalten und die Annahme einer “behinderten Identität” betrachtet werden. (Ebenda.)
Das Soziale Modell
Diese Betrachtungsweise führte bei (vor allem) selbst behinderten Wissenschaftler*innen zur Kritik und der daran anschließenden Entwicklung des Sozialen Modells von Behinderung.
Dafür wurde zunächst eine definitiorische Trennung zwischen Beeinträchtung (impairment) und Behinderung (disability) entwickelt und auf deren Basis der Kerngedanke des sozialen Modells formuliert:
“Behinderung ist kein Ergebnis medizinischer Pathologie, sondern das Produkt sozialer Organisation. Sie entsteht durch systematische Ausgrenzungsmuster, die dem sozialen Gefüge inhärent sind. Menschen werden nicht auf Grund gesundheitlicher Beeinträchtigungen behindert, sondern durch das soziale System, das Barrieren gegen ihre Partizipation errichtet. Während das individuelle Modell den Körperschaden oder die funktionale Beeinträchtigung als Ursachenfaktor ausmacht, geht das soziale Modell von der sozialen Benachteiligung als der allein entscheidenden Ebene aus. Entsprechend wird soziale Verantwortlichkeit postuliert und die Erwartung, dass nicht der einzelne, sondern die Gesellschaft sich ändern müsse.” (Ebenda.)
Wichtig hierbei ist zu erkennen, dass es vor allem um den Abbau von Barrieren sowie um Teilhabe und Partizipation geht. Der Fokus verschiebt sich vom Individuum, das lernen muss, besser und leistungsfähiger mit der eigenen Behinderung umzugehen, zur Gesellschaft, deren Aufgabe aus dem Abbau von Barrieren besteht. Statt “satt, sauber, sicher” wird gleichberechtigte Teilhabe der neue Schwerpunkt.
Durch die Trennung von Beeinträchtigung und Behinderung wird der körperliche Aspekt ausschließlich im Bereich der Beeinträchtigung gesehen (z.B. die Notwendigkeit pflegerischer Aufgaben), während die Behinderung sich ausschließlich auf gesellschaftlicher Ebene der Barrieren bewegt. In einer idealen Welt würde somit immer noch eine Beeinträchtigung vorliegen, der Bereich der Behinderung wäre jedoch nicht mehr vorhanden. Diese Trennung führte zu Kritik, da die Beeinträchtigung als “naturgegeben” vorausgesetzt und die Behinderung erst auf der darüberliegenden Ebene betrachtet und verhandelt wird. Auch Diagnosen, Erkrankungen und Störungen sind in kulturellen Kontexten definiert und gewachsen, sie sind nicht ahistorisch oder objektiv. (Ebenda.)
Das Menschenrechtliche Modell
Während das Medizinische Modell aus dem medizinischen Kontext und das Soziale Modell aus den Sozialwissenschaften entstanden sind, ist das Menschenrechtliche Modell juristisch geprägt.
Hintergrund war eine 2002 durchgeführte Untersuchung der bisherigen Menschenrechtsinstrumente im Rahmen einer von der UNO in Auftrag gegebenen Studie (Human Rights and Disability), zur Berücksichtigung des Merkmals “Behinderung”. Als Ergebnis entstand die Empfehlung einer eigenständigen Konvention über die Rechte behindeter Menschen, der 2006 durch die verabschiedete UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) entsprochen wurde. (Waldschmidt, 2005)
Hierbei wird einerseits die Menschenwürde behinderter Menschen besonders in den Fokus gerückt, andererseits aber auch die Intersektion betroffener Frauen und Kinder explizit benannt und berücksichtigt.
Im Unterschied zum Sozialen und auch Medizinischen Modell löst sich das Menschenrechtliche Modell vom Leistungsgedanken. Die Menschenwürde, das Recht auf Teilhabe und der Zugang zu Unterstützungsleistungen existieren unabhängig von der Leistungsfähigkeit behinderter Personen. Eine Beeinträchtigung rechtfertigt keine Diskriminierung. Behinderte Menschen müssen weder einen sozialen, noch einen wirtschaftlichen Nutzen haben, um gleichberechtigte Teilhabe zu verdienen.
Der Paradigmenwechsel des Menschenrechtlichen Modells macht behinderte Menschen zu eigenständigen Träger*innen von Rechten und zu Rechtssubjekten. “Nichts über uns ohne uns” liegt diesem Modell zu Grunde, selbst wenn es heute vor allem juristisch diskutiert wird. (Waldschmidt, 2005.)
Fazit
Je nachdem, welche Modelle von Behinderung verwendet werden, kann die Zuschreibung zu “behindert sein” oder “behindert werden” unterschiedlich ausfallen. Deshalb ist es in manchen Diskursen wichtig, zunächst zu klären, was eigentlich unter dem Begriff “Behinderung” verstanden wird und ob alle Beteiligten über das Gleiche reden.
Autistische Communities neigen derzeit dazu, vor allem das Medizinische Modell von Behinderung zu kennen und zu nutzen. Das liegt an der fehlenden, gemeinsamen Historie der Kämpfe und häufig fehlenden Anknüpfungspunkten zur Behindertenbewegung.
Gleichzeitig sorgt es aber auch für fehlendes Wissen, wenn z.B. die Errungenschaften der Disability Studies im Namen der Abgrenzung “aus dem Fenster geworfen werden”, während innerhalb der Autismus-Community eine Debatte darüber entbrennt, ob autistische Menschen eigentlich behindert seien (oder nicht).
Hier habe ich mehr dazu geschrieben.
Aus Perspektive der Behindertenbewegung dagegen sorgt es für Frust, wenn Erkenntnisse, die seit mehr als vierzig Jahren existieren, einfach abgelehnt oder anekdotisch angezweifelt werden.
Wer sich tiefer einlesen möchte, dem sei das Handbuch Disability Studies empfohlen.
