Gedenken weiterdenken.

CN Ableismus, Polizeigewalt, psychische Krisen, Tod

Am 28.04. gedenken wir den behinderten Menschen, die im Oberlinhaus in Potsdam von einer Pflegerin getötet wurden. Im Garten standen weiß besprühte Rollstühle und Regenbogenstelen. Am 22.05. gedenken wir Oisín, der 2019 bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde. Er war psychisch krank.

Wie häufig behinderte und psychisch erkrankte Menschen aufgrund von Pflegenden oder Polizei sterben, wissen wir nicht genau. Die Datenlage ist dünn, wenn überhaupt. Die Tagesschau beruft sich darauf, dass seit 2019 vermutlich 37 Menschen in psychischen Krisen von der Polizei erschossen wurden. Das sind 50% aller von der Polizei erschossenen Menschen im genannten Zeitraum.

Das Rechercheprojekt “Ableismus Tötet” hat 43 Fälle mit insgesamt 218 Betroffenen in 40 Einrichtungen gesammelt, bei denen es seit 2010 zu Gewalt an behinderten Menschen gekommen ist. Ob danach etwas in diesen Einrichtungen unternommen wurde, wissen wir nicht. Auch nicht, ob es Angebote zur Prävention gibt.

Ein Jahr hat 365 Tage. Wenn ich noch hinzunehme, dass wir am TDOR am 20. November den aufgrund von Transfeindlichkeit getöteten trans Personen gedenken, dann haben wir das Jahr mehr als voll. Auf der Seite könnt ihr die Gesichter der Getöteten sehen, das meiste sind trans Frauen of Colour.

Gedenken. Ein Tag der Ruhe und des Rückzugs. Wir zünden eine Kerze an und denken an jene, die wir nicht kannten, die uns aber aufgrund ihrer Geschichte nahestehen. Wir denken an die Getöteten des Oberlinhauses, die in ihrem Zuhause von einer Person getötet wurden, die sich eigentlich um sie kümmern sollte. Wir gedenken an Oisín, der Hilfe benötigt hätte und stattdessen den Tod fand. Wir gedenken den (uns unbekannten) trans Frauen, die auf der Seite des TDOR gesammelt werden.

Wir könnten jeden Tag einen neuen Fall posten, jeden Tag einen Gedenktag ausrufen. Es gibt genug – und die Dunkelziffer ist noch höher.

In mir streiten sich Trauer und Wut. Trauer um diese verlorerenen Leben, die nichts getan haben, außer sie selbst zu sein. Wut darüber, dass wir selbst im Tod keine Ruhe finden dürfen, weil wir (die Lebenden) und sie (die Toten) gemeinsam eine Geschichte erzählen müssen, einen Kampf kämpfen müssen.

Ein Kampf um Menschenrechte. Kurz vor dem Gedenktag zum Oberlinhaus wurde ein Papier geleakt, in dem unter Anderem die Kürzungen in der Eingliederungshilfe und die Einschränkung des freien Rechts auf Wohnens diskutiert wurden. Wenn behinderte Menschen weder am Arbeitsleben, noch am Alltag teilhaben dürfen und gleichzeitig in stationären Einrichtungen untergebracht werden, wird das die Zustände weiter verschärfen. Diese Ideen werden Leben kosten. Möglicherweise meins. Ein Gedanke, der bei allem Gedenken auch immer häufiger aufdrängt: Wann sind wir die nächsten? Wird es schnell gehen? Wie lange geht dieses scheibchenweise Einschränken meiner, unserer Rechte weiter – und was passiert, wenn niemand etwas dagegen tut?

Ableismus tötet. Die Fälle von Gewalt in stationären Wohneinrichtungen sind hoch – die Dunkelziffer ist noch höher. Eine psychische Krise kann ein Todesurteil sein, wenn unausgebildete Polizeikräfte vor der eigenen Tür stehen. Eine Unterbringung in einer stationären Einrichtung auch, wenn die Pflegefachkraft überarbeitet ist.

(Und die Pflege ist bereits überarbeitet, das ist ein in Kauf genommener Status quo, der seit Jahren besteht und kritisiert wird.)

Ich möchte Ruhe. Ruhe, um den Toten zu gedenken, die bereits Opfer des Systems wurden. Aber Ruhe ist mir, ist allen behinderten Menschen gerade nicht vergönnt. Ruhe ist trans Personen nicht vergönnt. Ich kann mich nicht hinsetzen und trauern, wenn das Risiko im Raum steht, dass ich oder mein Umfeld oder weitere Menschen auf der nächsten Liste der Opfer stehen werden.

Der Tod ist ein Meister aus meinen Gedanken. Ich weiß nicht, ob sich noch-nicht behinderte und chronisch gesunde Menschen auch so häufig mit Tod auseinandersetzen müssen. Bei mir (aufgrund meiner Behinderung und aufgrund von solchen Diskussionen) ist es häufig der Fall.

Wir ruhen nicht in Frieden. Wir geben keine Ruhe, bis die Toten aufhören. Bis die Listen einen Abschluss finden – oder wir zum Schweigen gebracht werden.

Klingt kämpferisch. Und ist es auch – irgendwo. Und gleichzeitig ist es ermüdend, niemals zur Ruhe zu kommen. Gedenken hat etwas ruhiges, etwas in-sich-gekehrtes. Ich fühle mich nicht in-mich-gekehrt, sondern häufig entblößt. Immer dann, wenn über “du bist zu teuer” und “niemand will dich haben” gesprochen wird, schwingt auch etwas anderes mit, ein “jemand sollte etwas dagegen unternehmen, dass Menschen wie du existieren”.

Manchmal tut jemand etwas dagegen. Dann haben wir einen weiteren Gedenktag.

Ich möchte diesen Beitrag nicht zynisch zu Ende gehen lassen. Aber ich möchte inständig darum bitten, euch an die Seite von behinderten, von queeren Menschen zu stellen. Wir brauchen keine weiteren Gedenktage. Ich möchte Errungenschafts-Tage, an denen wir Erfolge feiern können. Keine Gedenktage, um sich mit dem Tod auseinandersetzen zu müssen.

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