Meinen ersten Burnout hatte ich noch vor meinem ersten Job. Eigentlich ist das nicht möglich (oder sollte nicht möglich sein), weil Burnout ist eng mit Lohnarbeit verknüpft. Per Definition: Burnout bezeichnet einen Zustand andauernder und tiefer körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung aufgrund beruflicher oder anderweitiger Überlastung. Ein Burnout ist allerdings keine eigenständige Diagnose, also nicht medizinisch diagnostizierbar.
Mein Burnout
Es war im Jahr 2020, mitten in der Corona-Pandemie und dem (ich weiß nicht mehr wie vielten) Lockdown. Mein Studium hatte sich fundamental geändert: Aus Seminaren wurden Zoom-Meetings. Aus Vorlesungen wurden Zoom-Meetings. Aus der Hochschulpolitik wurden Zoom-Meetings. Ihr kennt das. Alles wurde zu einem Zoom-Meeting. Und dazwischen saß ich, mit einer frischen Autismus-Diagnose, einer beinahe ebenso frischen, medizinischen Transition und einer vollständigen Überforderung. Alle sozialen Regeln, die ich mir mühevoll angeeignet hatte, waren obsolet geworden. Die Ansprüche dagegen waren geblieben. Als Referent*in für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik war ich für queere Studierende, aber auch übergriffige Situationen irgendwie zuständig (ein Onboarding hatte es jedoch nie gegeben).
Die Krankschreibung
Nachdem ich das versucht und versucht hatte, führte es irgendwann zu einem Besuch meiner Hausärztin. Sie schaute mich lange an, ein bisschen besorgt, ein bisschen grimmig: “Du hättest schon viel früher kommen sollen!” und drückte mir eine Krankschreibung in die Hand. Vier Wochen. “Und in vier Wochen bist du wieder da!”
Am Ende wurden es vier Monate.
Vier Monate, in denen ich Zeit hatte, mich damit zu beschäftigen, was mich an der Situation so kaputtgemacht hatte.
Die Auslöser
Die Auslöser waren gar nicht so leicht zu identifizieren. Vielleicht brauchte ich auch den Abstand, den ich heute habe, um darauf zurückblicken zu können.
- Soziale Erwartungen: Der Umgang im Team war nicht eindeutig geklärt. Ein Haufen Leute in einer Messenger-Gruppe, die sich über Themen austauschten. Wer hat welche Form von Verantwortung? Wie viel Freizeit stecken wir alle rein?
- Die Inhalte: Mein Übergabeordner war leer. Nein, ich übertreibe nicht. Ich bekam einen leeren Ordner. Ein Onboarding? Fand nicht statt. Eine Übersicht über Aufgabenbereiche? Nicht vorhanden. Meine Aufgaben? Musste ich mir irgendwie selbst zusammensuchen. Ich organisierte Veranstaltungen, bot Sprechstunden an, redete über feministische und queere Themen und brachte Anträge ein.
- Die Formalia: Mein Arbeitsvertrag hatte keine Stundenzahl. Es war nicht klar definiert, wann ich wo welche Stunden zu leisten habe. Ist es ein Ehrenamt oder ein Nebenjob? Unklar.
- Die Rollen: Wer ist wem weisungsbefugt? Keine Ahnung. Wir waren gleichzeitig gewählt, aber auch Arbeitgebende von Menschen, die seit Jahrzehnten ihren Job hatten und Referierende kommen und gehen sahen. Welche Verantwortung das mit sich brachte? Wusste ich nicht.
Was ich heute weiß: Dieses Vorgehen ist eine Garantie für einen Burnout. Wer jemals dafür sorgen möchte, dass sehr junge Menschen diese Erfahrung machen: Hier. Eine Anleitung.
Dann trat ich von meinen Ämtern zurück, kündigte somit automatisch diesen Ehrenamt-Nebenjob und füllte eine Gewerbeanmeldung aus. Das Ergebnis seht ihr heute.
Die Gründung von Minzgespinst
Ich wollte eigentlich nie gründen. Oder selbstständig sein. Aber es war unglaublich einfach, ein Gewerbe anzumelden. Sehr viel einfacher als meine Personenstandsänderung, übrigens.
Eigentlich hatte ich immer gesagt, dass ich viel zu sehr auf Sicherheit bedacht bin, um selbstständig zu sein. Vielleicht hatte ich mich in mir geirrt. Stattdessen habe ich jetzt seit sechs Jahren Minzgespinst – von der Solo-Selbstständigkeit zum Verein und vom Verein in die UG. Und am Anfang stand: Ein Burnout.
Ein Burnout und ein autistischer Burnout sind übrigens nicht das gleiche.

