Worum es geht
Wir treffen uns online, um uns gegenseitig zu empowern oder zu sensibilisieren. Dabei bringen wir unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Bedürfnisse mit. Dieser Code of Conduct beschreibt, wie wir miteinander umgehen wollen und was passiert, wenn das nicht klappt.
Was wir voneinander erwarten können
Die Gruppe kann dir geben:
- Einen Raum, in dem du deine Perspektive einbringen kannst
- Verschiedene Sichtweisen auf das Thema
- Widerspruch und Reibung, die zum Weiterdenken anregen
- Reaktion darauf, wenn du diskriminierendes Verhalten benennst
Die Gruppe kann dir nicht geben:
- Schutz vor allen unangenehmen Themen oder Meinungen
- Therapeutische Unterstützung bei persönlichen Krisen
- Konsens in allen Fragen
- Eine diskriminierungsfreie Umgebung (wir arbeiten daran, können sie aber nicht garantieren)
Du kannst der Gruppe geben:
- Deine Perspektive, auch wenn sie unbequem ist
- Widerspruch zu Positionen, die du problematisch findest
- Benennung von diskriminierendem Verhalten, wenn du es wahrnimmst
- Aufmerksamkeit für die Beiträge anderer
Du musst der Gruppe nicht geben:
- Bildungsarbeit zu deinen Diskriminierungserfahrungen
- Details zu persönlichen Traumata oder Krisen
- Zustimmung zu Positionen, die du ablehnst
- Harmonie um jeden Preis
Konflikte sind Teil des Prozesses
Wir gehen davon aus, dass Konflikte entstehen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammenkommen. Das ist gewollt.
Konflikte zeigen sich zum Beispiel so:
- Wir sind unterschiedlicher Meinung über die Ursachen eines Problems
- Wir gewichten Aspekte unterschiedlich
- Wir kommen zu anderen Schlussfolgerungen aus denselben Informationen
- Wir finden unterschiedliche Lösungsansätze sinnvoll
Wenn ein Konflikt entsteht:
- Wir benennen die unterschiedlichen Positionen
- Wir klären, wo genau der Dissens liegt
- Wir lassen zu, dass es unterschiedliche Positionen gibt (wenn keine Diskriminierung vorliegt)
- Wir einigen uns auf ein Vorgehen für diese Veranstaltung (wenn nötig)
Diskriminierung bearbeiten wir
Diskriminierung ist nicht Teil des gewollten Konflikts. Wenn diskriminierendes Verhalten passiert, greifen wir ein.
Als diskriminierend gilt, was in den genannten Definitionen beschrieben ist.
Wenn du diskriminierendes Verhalten wahrnimmst:
- Du kannst es direkt in der Gruppe benennen
- Du kannst die Moderation privat kontaktieren
- Du kannst das Team über das Kontaktformular kontaktieren.
Was dann passiert:
- Die Moderation unterbricht die Veranstaltung oder geht ins Einzelgespräch
- Das konkrete Verhalten wird benannt und mit den Definitionen abgeglichen
- Die betroffene Person wird gefragt, was sie braucht
- Aus diesem und vorherigen Vorfällen folgen Konsequenzen (siehe unten)
Mögliche Konsequenzen:
- Gespräch mit der Person, die diskriminiert hat, über das konkrete Verhalten
- Aufforderung, ein bestimmtes Verhalten zu unterlassen
- Ausschluss aus der laufenden Veranstaltung
- Ausschluss aus zukünftigen Veranstaltungen
Was die Moderation tut
Die Moderation ist zuständig für:
- Strukturierung der Veranstaltung
- Unterbrechung bei diskriminierendem Verhalten
- Entscheidung über unmittelbare Konsequenzen
- Dokumentation von Vorfällen
- Ansprechbarkeit bei Fragen zum Code of Conduct
Die Moderation ist nicht zuständig für:
- Auflösung aller Konflikte
- Mediation zwischen unterschiedlichen Positionen
- Durchsetzung einer bestimmten Haltung zum Thema
- Emotionale Fürsorge für alle Teilnehmenden
Grenzen der Veranstaltung
Wir können in dieser Veranstaltung:
- Kontrovers diskutieren
- Verschiedene Positionen hören und äußern
- Diskriminierendes Verhalten benennen und bearbeiten
- Entscheiden, wie wir jetzt konkret vorgehen
Wir können in dieser Veranstaltung nicht:
- Strukturelle Diskriminierung auflösen
- Alle Machtverhältnisse ausgleichen
- Garantieren, dass keine Diskriminierung passiert
- Traumatische Erfahrungen therapeutisch begleiten
Definitionen von Diskrimnierungen
Rassismus
Rassistisch ist jede Praxis, welche Menschen diskriminiert, beleidigt, bedroht, verleumdet oder an Leib und Leben gefährdet wegen
- gruppenbezogener körperlicher Merkmale (wie Hautfarbe)
- und/oder ihrer ethnischen bzw. nationalen Herkunft
- und/oder bestimmter (zugeschriebener) kultureller Merkmale (wie Sprache, Religion, Lebensstil oder Namen)
Kulturrassistisch ist jede Ideologie, welche die folgenden drei Ideen miteinander verbindet:
- Konstruktion einer Gruppenidentität: Menschen werden aufgrund bestimmter körperlicher oder kultureller Merkmale oder aufgrund ihrer religiösen oder ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit in Abstammungsgemeinschaften [„Rassen“ im weitesten Sinne] eingeteilt.
- Behauptung einer kulturellen Wesensart: Den Mitgliedern solcher imaginärer Gemeinschaften wird eine gemeinsame Kultur oder Mentalität zugeschrieben.
- Bewertung der Unterschiede zwischen den Gruppen: Es wird behauptet, dass es zwischen solchen Gruppen aufgrund der zugeschriebenen Stereotypen eine Rangfolge von Höher- und Minderwertigkeit gebe oder aber eine grundsätzliche Unverträglichkeit.
Antisemitismus
IHRA-Arbeitsdefinition
- Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüd_innen. Kann sich als Hass gegenüber Jüd_innen ausdrücken.
- Antisemitismus richtet sich in Wort/Tat gegen jüdische/nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen/religiöse Einrichtungen. Hierbei ist wichtig zu betonen, dass die ZUORDNUNG zur Gruppe “Juden Jüd_innen” relevanter ist als die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, wenn es um nichtjüdische Personen/Einrichtungen geht.
- Religiöser direkt gegen Judentum als Religion (Rituale, Glauben) gerichtet (→ “Gottesmord”, “Ritualmorde”)
- Sozialer gegen eingebildeten oder tatsächlichen sozialen Status gerichtet (“Juden sind alle reich”, “Rockefeller und Rothschild”)
- Politischer imaginierte, homogene Gruppe mit politischer Macht (“Die da oben”, “jüdische Weltverschwörung”, “Brunnenvergifter”, “Protokolle der ‘Weisen von Zion’”)
- Rassistischer Grundlage für Shoa (Juden als “Menschenrasse” mit genetischer Disposition)
- Sekundärer Verharmlosung/Leugnung der Shoa (“Shoa-Gedenken ist nur zur Diffamierung von Deutschen da”, Holocaust-Leugnung, “Ausnutzung der Shoa für ‘eigene Zwecke’”)
- Antizionistischer spezifische Alleinstellung von Israel als “jüdischer Staat”
- Quelle: IHRA
Jerusalem-Deklaration
- Antisemitismus ist Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Einrichtungen als jüdische).
- Leitlinien
- Es ist rassistisch, zu essentialisieren (eine Charaktereigenschaft als angeboren zu behandeln) oder pauschale negative Verallgemeinerungen über eine bestimmte Bevölkerung zu machen. Was für Rassismus im Allgemeinen gilt, gilt im Besonderen auch für Antisemitismus.
- Das Spezifikum des klassischen Antisemitismus ist die Vorstellung, Jüd:innen seien mit den Mächten des Bösen verbunden. Dies steht im Zentrum vieler antijüdischer Fantasien, wie etwa der Vorstellung einer jüdischen Verschwörung, in der „die Juden“ eine geheime Macht besäßen, die sie nutzen, um ihre eigene kollektive Agenda auf Kosten anderer Menschen durchzusetzen. Diese Verknüpfung zwischen Jüd:innen und dem Bösen setzt sich bis heute fort: in der Fantasie, dass „die Juden“ Regierungen mit einer „verborgenen Hand“ kontrollieren, dass sie die Banken besitzen, die Medien kontrollieren, als „Staat im Staat“ agieren und für die Verbreitung von Krankheiten (wie etwa Covid-19) verantwortlich sind.
- All diese Merkmale können für unterschiedliche (und sogar gegensätzliche) politische Ziele instrumentalisiert werden.
- Antisemitismus kann sich in Worten, Bildern und Handlungen manifestieren. Beispiele für antisemitische Formulierungen sind Aussagen, dass alle Jüd:innen wohlhabend, von Natur aus geizig oder unpatriotisch seien. In antisemitischen Karikaturen werden Jüd:innen oft grotesk, mit großen Nasen und in Verbindung mit Reichtum dargestellt. Beispiele für antisemitische Taten sind: jemanden angreifen, weil sie oder er jüdisch ist, eine Synagoge angreifen, Hakenkreuze auf jüdische Gräber schmieren oder Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Judentum nicht einzustellen oder nicht zu befördern.
- Antisemitismus kann direkt oder indirekt, eindeutig oder verschlüsselt (‚kodiert‘) sein. Zum Beispiel ist „die Rothschilds kontrollieren die Welt“ eine kodierte Behauptung über die angebliche Macht „der Juden“ über Banken und die internationale Finanzwelt.
- In ähnlicher Weise kann die Darstellung Israels als das ultimative Böse oder die grobe Übertreibung seines tatsächlichen Einflusses eine kodierte Ausdrucksweise sein, Jüd:innen zu rassifizieren und zu stigmatisieren.
- In vielen Fällen ist die Identifizierung von kodierter Sprache eine Frage des jeweiligen Kontextes und der Abwägung, bei der diese Leitlinien zu berücksichtigen sind.
- Es ist antisemitisch, den Holocaust zu leugnen oder zu verharmlosen, indem man behauptet, der vorsätzliche Völkermord der Nazis an den Jüd:innen habe nicht stattgefunden, es habe keine Vernichtungslager oder Gaskammern gegeben oder die Zahl der Opfer bestehe nur in einem Bruchteil der tatsächlichen Anzahl.
- Quelle: Jerusalem-Deklaration
Sexismus
- Sexismus = Vorurteil + Macht
- Sexismus = geschlechtsspezifische Diskriminierung
- (Einstellungen, Stereotype und kulturelle Elemente, die Diskriminierung fördern)
- historisches und anhaltendes Macht-Ungleichgewicht, bei dem Männer > alle anderen Geschlechter privilegiert sind (Male Privilege)
- dya-cis Männer sind im Patriarchat privilegiert gegenüber Frauen, trans Männern, nichtbinären Personen
- Sexismus und Queerfeindlichkeit sind eng miteinander verschränkt und bedingen sich teilweise gegenseitig
Queerfeindlichkeit
- Abwertung von Menschen, weil sie nicht den gesellschaftlichen Normativen entsprechen. Erläuterung: Normativität = Zustand, welcher gesellschaftlich als „Norm“ konstruiert wurde und dabei die Bedürfnisse und Empfindungen jener außer Acht lässt bzw. bewusst abwertet und als ”schlecht” oder “anders” darstellt, welche diese „Norm“ nicht erfüllen.
- Dyanormativität: “Menschen werden mit einem eindeutigen Chromosomen- und/oder Intimbausatz geboren!“ (Ausschluss von inter Personen.)
- Allonormativität „Alle Menschen haben das Bedürfnis nach Sex, eine Libido oder grundsätzliche sexuelle/romantische Bedürfnisse!“ “Alle Menschen verspüren sexuelle/romantische Anziehung zu anderen Personen!” (Ausschluss von Menschen, die auf dem asexuellen/aromantischen Spektrum liegen.)
- Heteronormativität: „Menschen sind von Personen des anderen (sic!) Geschlechts angezogen!“ (Ausschluss von nicht-hetero Personen.)
- Cisnormativität: “Menschen müssen das Geschlecht sein, welches ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde!“ (Ausschluss von trans Personen.)
- Mononormativität: „Menschen können nur eine Person wirklich (sic!) lieben! Wenn du mehr als eine Person liebst, liebst du eine davon nicht richtig!“ (Ausschluss von polyamen Personen.)
Ableismus
- Ableismus bezeichnet die Auf- und Abwertung von Menschen aufgrund ihrer (Un-)fähigkeiten oder der (Un-)fähigkeiten, die ihnen zugeschrieben werden.
- “Normale” Fähigkeiten
- laufen
- verbal kommunizieren
- hören
- “in die Augen gucken” beim Reden
- Schmerzen durch Weinen zeigen
- “Unnormale” Fähigkeiten
- einen Rollstuhl nutzen
- schriftlich kommunizieren
- gebärden
- taub / schwerhörig
- Blickkontakt vermeiden
- Schmerzen verbalisieren
- Braillekenntnisse
- Screenreader
- “Normale” Fähigkeiten
- “normale” Fähigkeiten werden höher/positiver bewertet, während “unnormale” Fähigkeiten schlechter/negativer bewertet werden → Bewertungen haben Konsequenzen!
- Vergleichbare Begriffe (teilweise ergänzend oder einschränkend):
- Behindertenfeindlichkeit
- Kranken- und Behindertenfeindlichkeit
- Fähigkeitismus
Awareness
Wir arbeiten betroffenenzentriert.
Das heißt, wir glauben Betroffenen und stellen ihre Wahrnehmung einer Situation nicht in Frage.
Wir arbeiten diskriminierungssensibel.
Das heißt, wir wenden unser Wissen über Diskriminierungsstrukturen auf den Einzelfall an und handeln aus der strukturellen Analyse von Einzelfall-Situationen.
Wir arbeiten kommunikativ.
Das heißt, wir sind uns der Grenzen der verbalen (und nonverbalen) Kommunikation bewusst und beziehen dieses Wissen in unsere Arbeitsweise ein.
Wir arbeiten transformativ.
Das heißt, wir wissen, dass in diesem System niemand frei von diskriminierenden Strukturen sein kann und beziehen diese Analyse in unsere Arbeitsweise ein, um langfristige, systemische Veränderungen herbeiführen zu können.
