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Hypersensibel und Hyposensibel

Hyper, hyper, hypo… Was? Hypersensibilität kennen vermutlich die meisten Menschen. Wer als hypersensibel bezeichnet wird, ist “einfach super krass empfindlich” sein. Hört die Fledermäuse schreien und die Frösche husten. Oder so. Hyposensibel dagegen ist weniger bekannt: Das sind die Menschen, die eine gewisse Menge an Reizen nicht nur angenehm finden, sondern tatsächlich auch brauchen, um sich wohlzufühlen.

Dieser Beitrag richtet sich an Menschen ohne Vorwissen. Wenn trotzdem unbekannte Begriffe verwendet werden, hilft dir unser Glossar!

Reize

Um eine Vorstellung von hypersensibel und hyposensibel zu bekommen, müssen wir uns zunächst einmal unterschiedliche Formen von Reizen anschauen.

Das klassische sind die Sinnesreize:

  • Sehen
  • Hören
  • Schmecken
  • Riechen
  • Fühlen

Weniger bekannt, aber genauso wichtig:

  • Propriozeption (Wahrnehmung von Körperstellung, Druck)
  • Vestibulär (Gleichgewicht und Bewegung)
  • Interozeption (Wahrnehmung von Hunger, Durst, Harndrang, Temperatur, Schmerz)

Ergänzend dazu kommen noch Emotionen und Gefühle, als ebenfalls zu verarbeitende Eindrücke, die aber von innen, statt von außen (beziehungsweise in einer Wechselwirkung von innen und außen) stattfinden.

Reizverarbeitung

Wenn nun im Bereich von Neurodivergenz die Reizverarbeitung anders funktioniert, dann werden auch diese Sinnesreize unterschiedlich wahrgenommen. Eine Studie der Universität Bonn hat herausgefunden, dass Menschen mit ADHS beim Hören gleichzeitig auch ihr Sehsystem aktivieren. Das sorgt einerseits für eine bessere Verknüpfung der wahrgenommenen Informationen, kostet andererseits aber auch Zeit bei der Verarbeitung.¹

Die unterschiedlichen Reizverarbeitungen können auch Konsequenzen, z.B. bei der Gabe von Schmerzmitteln, Narkosemitteln o.Ä. haben. Deshalb ist es sinnvoll, eine neurodivergente Diagnose bei medizinischem Fachpersonal anzusprechen.

Hypersensibel

Wer hypersenisbel ist, nimmt Reize ganz besonders intensiv wahr. Gerade autistische Menschen sind für ihre Hypersensibilität bekannt, die auch schnell in eine Überlastungssituation münden kann. Wenn gleichzeitig alle Sinnesreize ähnlich intensiv wahrgenommen werden und ausblenden nicht möglich ist, kann das schnell “zu viel” sein.

Hypersensibilität kann sich in unterschiedlichen Formen ausdrücken:

  • Schmerz: Leichtes Streicheln oder “an der Schulter berühren” wird als schmerzhaft empfunden. Gerade leichte Berührungen zeichnen sich durch eine verstärkte Intensität aus, die schnell unangenehm sein kann.
  • Hören: Das Surren von Neonröhren wird direkt wahrgenommen. (Bevor Neonröhren ausgehen, fangen sie an zu surren. Hypersensible Menschen sind somit ein Frühwarnsystem für “hier geht demnächst das Licht aus”.)
  • Sehen: Farben können besonders fein unterschieden werden, gleichzeitig werden sie auch schnell als “zu grell” empfunden.
  • Schmecken: Bitte immer ähnlich und nichts an der Rezeptur ändern! Auch hier sind autistische Menschen ein gutes Merkmal für “verbesserte Rezepturen”. Ärgert uns bitte nicht, schreibt es wenigstens drauf!

Hyposensibel

Das Gegenteil (und manchmal auch die Ergänzung) von Hypersensibilität ist Hyposensibilität. Hierbei wird aktiv nach Reizen gesucht, um eine gewisse “Grundanspannung” herzustellen, Dopamin zu bekommen oder auch andere Reize zu übertönen.

  • Schmerz: Starker Druck wird als angenehm empfunden. Vielen Betroffenen fallen “echte” Schmerzen eher schwer und werden leicht ignoriert, was zu Problemen in der medizinischen Versorgung führen kann. Denn wenn es dann “wirklich mal wehtut” ist eigentlich schon zu spät. (Trefft mich, wie ich mit Nierenbeckenentzündung aufrecht in der Notaufnahme saß und freundlich darüber informierte, dass starke Schmerzen und blutiger Urin akut seien. Ist außerdem mal mit nem zertrümmerten Handgelenk passiert. Nicht zu empfehlen.)
  • Hören: Laute Musik? Kein Problem. Übertönt andere Reize und ist “selbstgewählt”.
  • Sehen: Ne. Da hab ich nichts, wo ich hyposensibel bin. Aber Strobo frittiert mir auf nicht unangenehme Weise das Gehirn (wenn ich im richtigen Setting bin, sonst tut es weh).
  • Schmecken: Scharfe Gewürze und immer wieder neue Geschmacksrichtungen? Jep! Das bin ich. Da bin ich durchaus hyposensibel unterwegs.

Verhalten und Fazit

Manchmal sind Menschen auch gleichzeitig hypersensibel und hyposensibel: “Oh, eine Email!” – gibt Dopamin, weil neue, interessante Aufgabe. (Die dann aber nie bearbeitet wird, weil es kommen ja immer wieder neue Mails rein, wie interessant! Mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, kann ebenfalls eine Kombination davon sein, dann sollten diese aber nicht inhaltlich identisch sein (Chaos!).

Im Endeffekt haben wir meistens sowohl hypersenible, als auch hypsensible Anteile in uns und mit diesen gut umzugehen, kann das neurodivergente Leben durchaus sehr erleichtern.

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