Ist Autismus eine Behinderung? Ja.
Aber. Wartet bitte, ich führe das noch ein bisschen aus. Denn derzeit gibt es (auch weil Autismus in der medialen Öffentlichkeit eine größere Rolle spielt) einen Diskurs darüber, ob Autismus eigentlich eine Behinderung sei. Dem gegenübergestellt wird der Begriff der “Superpower”, also das Autismus eigentlich besondere, spezielle Fähigkeiten mit sich bringen würde, anstatt eine Behinderung (also defizitär) zu sein.
In diesem Beitrag bin ich bereits auf die unterschiedlichen Modelle von Behinderung eingegangen. Wenn du noch nie davon gehört hast, dass es verschiedene Modelle gibt, empfehle ich sehr, den Beitrag zuerst zu lesen. Wirklich. Es würde massiv zum Verständnis beitragen.
Einschränkungen
Das Spektrum autistischer Einschränkungen (und Barrieren) ist groß. Einschränkungen wird hier als ein Begriff verwendet, der aus der autistischen Person selbst kommt (z.B. durch Nonverbalität, durch Reizoffenheit oder durch fehlende Priorisierung von Aufgaben, etc.), während Barrieren als etwas verwendet wird, das von außen kommt (z.B. abwertende Kommunikation, Forderung an Maskieren und Camouflaging, fehlende Rückzugsräume, etc.). Es gibt spätdiagnostizierte Menschen, die erst in ihren 30ern, 40ern oder 50ern eine Diagnose erhalten und (mit Einschränkungen) ihr Leben ohne Unterstützung leben können. Es gibt auch frühdiagnostizierte Kinder, die aufgrund der sichtbaren Symptomatik einen hohen Unterstützungsbedarf haben und bereits früh als “behindert” eingestuft werden. Und es gibt dazwischen alle Kombinationen. Dabei ist auch wichtig, dass ein hoher Unterstützungsbedarf nicht gleichbedeutend mit einer Unfähigkeit z.B. zu Arbeit oder Schulbesuch ist. Es ist komplex. In diesem Beitrag gehe ich darauf gesondert ein.
Diagnostik
Allen gemein ist dennoch: Ohne Einschränkung gibt es keine Diagnose. Unabhängig davon, wie gut oder schlecht das eigene Leben gemeistert werden kann, wenn keine Einschränkungen (und Barrieren) vorliegen, sind die diagnostischen Kriterien nicht erfüllt. Denn eine Diagnose beschreibt immer eine Häufung an pathologischen (also als “krank” eingeordneten) Kriterien im medizinischen System und damit eine Abweichung einer als “normal” und “gesund” definierten Norm. Jede Diagnose im medizinischen System (also nach einem medizinischen Diagnostik-Manual, z.B. dem ICD-10 bzw. ICD-11 ist eine Beschreibung und Kategorisierung einer Störung von der Norm. Dafür müssen zwingend Abweichungen von der Norm vorliegen und die dazugehörige Diagnoseschwelle überschritten sein. (Das ist der Grund, warum z.B. Frauen unterdiagnostiziert sind. Hier gibt es mehr dazu.)
Superpower
Und jetzt kommen wir zu einem Problem: Behinderung ist in dieser Gesellschaft etwas negatives, schlechtes, mit einem Mangel behaftetes. Sich als spätdiagnostizierte Person mit geringen Einschränkungen und Barrieren in dieser Gruppe wiederzufinden, kann Widerstände auslösen.
Vereinfacht ausgedrückt: Nur, weil Menschen behindert sind/werden (hier wieder die Empfehlung, den Beitrag zu den Modellen zu lesen), heißt das noch lange nicht, dass sie sich auch behindert fühlen. Behinderung wird immer noch als Schimpfwort verwendet, mit “Unfähigkeit”, “Belastung” oder “Nutzlosigkeit” in Verbindung gebracht. (Nicht von mir, aber das gesellschaftliche Stigma ist real.) Zusätzlich kommen regelmäßig Debatten auf, ob behinderte Menschen nicht “zu teuer” seien.
Ein weiterer Widerstand entsteht durch die Gleichzeitigkeit der Erleichterung, endlich einen Begriff für das eigene Sein zu haben (eine Autismus-Diagnose kann sehr identitätsstiftend sein) und zum anderen durch Trauer und Wut, nicht viel früher Hilfe und Unterstützung bekommen zu haben. Denn auch das Leben vieler autistischer Menschen mit geringem Unterstützungsbedarf ist geprägt davon, dass sie sich mehr anstrengen sollten, mit Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. Mit dem Gefühl “nie genug zu sein” und Versagensängsten. Eine Diagnose kann hier helfen, zu lernen, dass es eben kein “Versagen” ist, sondern ein neurologisch anders funktionierendes Gehirn. Denn, again: Ohne Einschränkungen gibt es keine Diagnose. (Und selbst mit Einschränkungen nicht immer eine Diagnose.)
Dadurch geraten Betroffene in ein Spannungsfeld. Autismus ist eine Benennung und eine Entlastung (und die Auseinandersetzung mit der eigenen Diagnose liefert auch Erklärungen), aber gleichzeitig kommt sie mit Scham und Stigma einher. Aus einem “du strengst dich nicht genug an” wird ein “du bist behindert”. Für Menschen, für die der Begriff “Behinderung” negativ besetzt ist, kann das sehr hart sein.
Dadurch können Überkompensationen entstehen. Die zeichnen sich dann durch Aussagen aus wie “Ich bin nicht behindert, ich bin nur anders!” oder eben zu der eingangs benannten Superpower, mit der die eigenen (autistischen) Fähigkeiten/Symptomatiken entsprechend hoch eingeordnet werden (möglicherweise auch, um die Einschränkungen kleiner wirken zu lassen).
Hier spielt sogenannter “internalisierter Ableismus” eine große Rolle. Das heißt, dass Menschen eine verinnerlichte, negative Einstellung zu Behinderung haben, die sie auch auf sich selbst als Betroffene anwenden. Und um sich mit dieser Einstellung nicht auseinandersetzen zu müssen, wird die eigene Betroffenheit abgelehnt. Im Unterschied zum Sozialen Modell (Du bist nicht behindert, du wirst behindert.) erkennt es die eigene Behinderung gar nicht als solche an.
Extrembeispiel davon sind Menschen, die Autismus allgemein aus dem ICD-11 streichen wollen und es mit Homosexualität gleichsetzen. Der wichtige Unterschied: Es gibt keine homosexuelle Person, die aufgrund ihrer Homosexualität z.B. pflegebedürftig ist. Bei Autismus (weil es ein Spektrum ist) gibt es diese sehr wohl.
Fazit
Autismus ist keine Superpower. Ich kann weder fliegen, noch leuchte ich im Dunkeln. Ich kann auch keine Gedanken lesen (obwohl das bei meiner größten Barriere, der Kommunikation, echt hilfreich wäre). Aber dadurch, dass die Autismus-Community wenig bis keine Anknüpfungspunkte an die Behindertenbewegung hat(te), führt die eigene Diskriminierung gegen sich selbst zu Überkompensation und einer daraus resultierenden Bewertung unterschiedlicher autistischer Menschen in “richtig behindert” und “nur anders”. Das führt einerseits zu einer Hierachisierung und andererseits dazu, dass der lange erkämpfte Spektrumsbegriff ad absurdum geführt wird.
Autistische Menschen sind ein Spektrum mit unterschiedlichen Einschränkungen und Unterstützungsbedarf. Aber ohne Einschränkung gibt es keine Diagnose – unabhängig davon, ob Menschen sich behindert fühlen oder nicht.
