Autistisches Maskieren ist der Versuch, in einer neurotypisch normativen Welt “normal” zu wirken. Es sind die Kleinigkeiten, die erlernt wurden, um nicht aufzufallen.
Disclaimer
Alle Menschen maskieren in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich stark. Auch neurotypische Menschen können und müssen manchmal maskieren, beispielsweise im beruflichen Kontext, wenn eine ehrliche Antwort mehr negative Konsequenzen nach sich ziehen können. Es ist aber nicht ihre intuitive Form der Kommunikation, die sie dauerhaft unterdrücken müssen. Manche autistische Menschen können gar nicht maskieren, was häufig zu Ausschlüssen und/oder Mobbing führt.
Formen des Maskierens
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, um das, was neurotypischen Menschen intuitiv zufliegt, nach und nach zu erlernen. Allen davon ist gemein, dass sie nicht intuitiv geschehen, sondern einem bestimmten Skript folgen, das mühsam erlernt wurde.
Gesichtsausdrücke
Lächeln. Nicken. Noch mal lächeln. Ein richtiges Lächeln zum richtigen Zeitpunkt, damit ein interessierter Eindruck entsteht. Ein richtiges Lächeln erreicht die Augen, aber kneift sie nicht zusammen. Bei einem höflichen Lächeln werden die Augen nicht verändert, die Mundwinkel nach außen gezogen, aber die Lippen geschlossen. Wenn sich die Lippen öffnen, dann ist es ein “echtes” Lächeln, das nur in vertrauten Situationen oder wenn das Gegenüber sehr amüsant ist, als angemessen gilt.
Nicht starren. Menschen starr anzuschauen, gilt als unhöflich, aber schnell wegzuschauen, ebenfalls. Am besten ist es, den Blick leicht nach unten zu richten, aber nicht zu weit, sonst gilt es als schüchtern oder unhöflich.
AUF KEINEN FALL das Gesicht entspannen! Mein entspanntes Gesicht wird entweder als wütend, traurig oder arrogant wahrgenommen und hat in einem höflichen Gespräch, in dem ich maskieren muss, nichts zu suchen. (Den Gesichtsmuskelkater gibt es dafür hinterher gratis.)
Reaktionen
nonverbal
Du findest “in die Augen schauen” schmerzhaft und anstrengend? Ich auch. Deshalb gilt es, einen Punkt knapp über der Nasenwurzel zu fixieren und diesen anzuschauen. Blinzeln nicht vergessen, sonst ist es wieder “starren”. Drei Sekunden hinschauen, zwei Sekunden blinzeln, dann kurz wegschauen, dann wieder hinschauen. Wiederholen.
verbal
Wenn ich eine Situation gut nachvollziehen kann, reagiere ich instinktiv mit einer eigenen Erfahrung und teile meine Geschichte dazu. Das wird von neurotypischen Menschen aber als ein “das Thema an sich reißen” wahrgenommen und gilt als nicht in Ordnung. Viel besser: Bestätigende Geräusche machen und herausfinden, ob eine Person eine Lösung, einen Rat oder sich einfach nur Luft machen möchte. Hier wichtig: Nicht direkt fragen, sondern das über entsprechend erlernte und für das Gegenüber modifizierte Skripte unauffällig herausfinden.
Skripte
Ein Skript funktioniert wie ein Drehbuch im Kopf, in dem die Verhaltensregeln und Reaktionen festgelegt sind, die für die jeweilige Situation als “angemessen” abgespeichert wurden. Das können ganze Drehbücher mit detaillierten Beschreibungen sein, Stichpunkte oder etwas dazwischen. Je nachdem, wie lange schon maskiert wurde, fühlt sich diese Form der Kommunikation beinahe “normal”, wenn auch sehr anstrengend an.
Konsequenzen
Maskieren kostet Energie. Energie, die mir in anderen Fällen fehlt und die mich dazu zwingt zu entscheiden, ob ich mir menschliches Miteinander zutrauen kann – oder nicht. Das hat nichts damti zu tun, ob Menschen extrovertiert oder introvertiert sind, sondern damit, dauerhaft in einer Fremdsprache zu sprechen, die eben nicht die Erstsprache ist.
Demaskieren
Die Lösung für Maskieren (oder weniger maskieren) ist das sogenannte Demaskieren. Allerdings ist bei vielen Menschen, die erst spät diagnostiziert wurden, die Maske Teil einer Überlebensstrategie. Deshalb ist es ebenso anstrengend, sich bei jeder Interaktion zu fragen, was nun “authentisch” sei, wie im ersten Schritt diese Skripte erlernt zu haben. Darüber hinaus kommt es beim Demaskieren auch vermehrt zu Konflikten, wenn eben das Umfeld sich an die Maske gewöhnt hat und nicht bereit ist, ebenfalls eine Fremdsprache zu lernen.
Fazit
Alle Menschen maskieren in unterschiedlichen Kontexten. Aber neurotypische Menschen werden nicht krank dadurch – und können ihre Maske abnehmen. Meine fühlt sich häufig an, als wäre sie mit Silikon auf mein Gesicht geklebt worden.
