Geschlechterneutrale Sprache und Autismus.

Das Missy-Magazin hat ein neues Layout. Sie präsentieren stolz einen „eigenen“ Asterisk (umgangssprachlich „Genderstern“ genannt) und ein „missy-exklusives m“. Der Asterisk wird für geschlechterneutrale Sprache verwendet. Das „m“ hat einen kleinen Schnörkel nach unten. Es wird von jetzt an in jeder Überschrift, die ein „m“ enthält, sein.
Schwerpunkt des Heftes ist – unter Anderem – feministisches Design. Für ein Heft, das sich „intersektionalen Feminismus“ auf die Fahne geschrieben hat, ein etwas kläglicher Schwerpunkt. Denn an Autismus, Neurodivergenz und Leseschwächen wurde nicht gedacht.

Intersektionalität ist die Verschränkung unterschiedlicher Diskriminierungsformen. Die Bezeichnung geht auf die Arbeit Schwarzer Feminist_innen zurück. Sie sahen sich weder von weißem Feminismus, noch der Schwarzen, männlich dominierten Bürgerrechtsbewegung in ihren Kämpfen repräsentiert.
Das Einstellen ausschließlich weißer Frauen und Schwarzer Männer (wenn Unternehmen verpflichtet sind, Minderheiten einzustellen) ist legal. Selbst wenn Schwarze Frauen dadurch spezifisch diskriminiert werden.

Kurzer Exkurs, zurück zur heutigen Problematik der Intersektionalität. Auch die Verflechtungen von Ableismus, Sexismus, Trans- und Queerfeindlichkeit fallen darunter.
Und da kommen wir zum Problem: Design und geschlechterneutrale Sprache. Autismus und Neurodivergenzen.

Geschlechterneutrale Sprache

Sprache schafft Realität – und bildet Realitäten ab. Unterschiedliche Studien haben bewiesen, dass das generische Maskulinum dazu führt, dass Lesende/Hörende ein männliches Bild im Kopf haben. Das verunsichtbart alle Personen, die nicht männlich sind. Es sorgt langfristig dafür, dass unsere Realität weiterhin eine männlich geprägte, männlich dominierte ist. (Und dafür, dass beispielsweise Mädchen eher Berufe als Wunschberuf angeben, die mit „Weiblichkeit“ assoziiert sind.)

Eine Lösung dafür können Passivkonstruktionen (Lesende, Lernende, Hörende, etc.) sein. Unterschiedliche Varianten des Entgeschlechtlichens – also beispielsweise Sonderzeichen oder Binnen-I. (Lehrer_innen, Lehrer*innen, LehrerInnen). Sonderzeichen wurden vor allem aus der trans Community heraus entwickelt und gefordert. Es geht um Sichtbarkeit von nichtbinären Personen (und die Einbeziehung dieser). Das Binnen-I kommt vor allem aus einer cis-feministischen Perspektive und war dazu gedacht, Frauen sichtbarer zu machen. Geschlechterneutrale Sprache hat also unterschiedliche Möglichkeiten.

Klingt gut? Klingt gut. Bisschen ungewohnt, aber da gewöhnen sich Menschen nach und nach dran.
Aber.

Probleme

Ich kann die Missy in Zukunft nur noch mit Pausen lesen. Die Variante des * (in der Mitte des Wortes statt hochgestellt) und des „m“ kann ich nicht flüssig lesen. Ich bin Autist_in. Autimus ist eine Neurodivergenz. Unser Gehirn arbeitet ein wenig anders als die Norm.

Viele Autisten, Autistinnen und Autist_innen haben das Problem, dass wir Sprache anders wahrnehmen. Uns fehlt ein Filter, der Reize sortiert und in „wichtig“ und „unwichtig“ einordnet. Wenn in einem Text (sehr viele) Sonderzeichen auftauchen, wird dieser Text für neurodiverse schlecht bis un-lesbar. Das betrifft auch blinde und sehbehinderte Menschen. Screenreader sind Programme, die Schriftsprache in Lautsprache übersetzen. Gerade Screenreader können oft Sonderzeichen nicht adäquat (als Glottal Stop) übersetzen. Dadurch klingt ein Text dann so: Lehrer_innen wird zu LehrerUnterstrichInnen. Klingt anstrengend? Ist es auch.

Screenreader sind eine technische Problematik. Technik ist lösbar. Die Gehirne jener neurodiversen Menschen mit dieser Problematik, sind nicht durch ein IT-Update behandelbar.

Bedürfnisse

Wir haben also zwei unterschiedliche Bedürfnisse, die sich konträr gegenüberstehen. Einerseits Sichtbarkeit (die zur Normalisierung führt), andererseits Lesbarkeit und Erfassbarkeit von Informationen.

Ist eines dieser Bedürfnisse (ich las kürzlich von Exkludierung 1. und 2. Ordnung) dadurch wichtiger als das andere? Ich denke nicht. Studien haben die Problematik des generischen Maskulinums belegt (nämlich, dass es Assoziationen zu Männern herstellt und eben nicht neutral wirkt). Es ist eine komplexe und nicht individuelle Situation. Die Lösung muss eine gesellschaftliche sein. Unsichtbarkeit von nicht-männlichen Personen in der Sprache hat Konsequenzen auf das Leben dieser. Ausschließende Texte aufgrund von Unlesbarkeit haben Konsequenzen für Personen, die diese Texte nicht lesen können.

Das wiederum gilt auch für beispielsweise Hashtags wie #noAfD oder #TSGabschaffen. Sie werden synonym zum kritisierten Gegenstand verwendet. Es geht darum, z.B. der AfD keine Reichweite zu geben. Der #AfD würde ihr Reichweite geben. Wird statt „AfD“ in einem Tweet #noAfD verwendet, brauche ich deutlich länger, um den Inhalt zu verstehen. Statt flüssigem Lesen ist es eine bewusst-kognitive Handlung – und die kostet deutlich mehr Energie.

Eine einheitliche, neutrale Form ist wünschenswert. Sowohl für Personen, die unter geschlechtlicher Diskriminierung leiden, als auch für alle, die unter Ableismus leiden. Und noch viel mehr für alle Personen, die von beidem betroffen sind.

Fazit

Sonderzeichen waren ein weiterer Schritt auf einem langen Weg. Aber sie sind nicht das Ende der Debatte – auch nicht die Diskussion um ein „korrektes“ Sonderzeichen.
Gleichzeitig schmerzt es mich, dass ich mich zerrissen fühle zwischen den Bedürfnissen als trans Person und als Autist_in. Hier habe ich schon darüber geschrieben. Als ob es nur eine Möglichkeit gäbe, anstatt gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.
(Ich persönlich verwende den Unterstrich. Er bietet mir die bestmögliche Variante, meine eigenen Texte zu schreiben, zu lesen und zu verstehen.)

3 Kommentare

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Autist mit ADS hier!
Für mich sind diese „-ende“-Konstruktionen äußerst verwirrend da ich es so gelernt habe dass damit die Verlaufsform ausgedrückt wird, also das was jetzt gerade im Augenblick passiert. So etwas wie „Mitarbeitende“ dürfte es demnach in dem Kontext gar nicht geben da jemand der zur Toilette geht in dem Moment kein Mitarbeitender mehr ist und das Wort somit kein Sammelbegriff für Beschäftigte eines Unternehmens sein kann. Ich kriege ganz schön Puls wenn eine eMail reinkommt mit dem Betreff „Gesprächsangebot Mitarbeitende“ weil ich als erstes an eine bevorstehende Kündigung denke. Ist halt extrem ungünstig dass das Ende des Wortes genauso das Gegenteil von „Anfang“ sein könnte und die andere Variante wäre, mitten im Wort Satztrennzeichen zu haben, gefolgt von einem Wort das auch das Gegenteil von „außen“ sein könnte.
Wörter wie „Benutzer*innenoberfläche“ muss ich mehrfach lesen bis ich sie verstanden habe und ausschließen kann dass damit nicht die Oberfläche gemeint ist die durch die Innenseiten begrenzt ist.
Ich bin mental einfach sehr schnell erschöpft weil der kognitive Overhead bei mir riesengroß ist und meide mittlerweile deutschsprachige Webseiten und Printmedien und weiche auf englischsprachige aus da mich die deutsche Sprache zunehmend heillos überfordert.
Es entstehen auch sehr viele Unsicherheiten wie ich Wörter jetzt schreiben muss. Welche Variante ist denn die aktuell gültige? Muss ich wirklich Bürger*innenmeister*innenkandidat*innen schreiben oder wird es ab einem bestimmten Punkt absurd?
Wie schön es wäre wenn wir doch einfach ein Wort für alle hätten wie z.B. im Englischen. Dort wurden die feminisierten Formen aus dem Sprachgebrauch entfernt und es mag sich damals komisch angefühlt haben dass von „Prime Minister Margaret Thatcher“ gesprochen wurde und nicht von „Prime Ministress“, heute fällt es gar nicht auf weil es einfach „ein Wort für alle“ geworden ist. Aus autistischer Sicht ist es höchst bedauerlich, dass sich in deutschen Sprachraum für das genaue Gegenteil dessen entschieden wurde.
Und by the way… in Ostafrika wird Swahili gesprochen, dort gibt es, was Pronomen angeht, nur ein Wort für 3. Person Singular, nämlich „yeye“. Ich finde diesen Ansatz höchst sympathisch da ich mir Gesichter ein Leben lang merke aber allein schon bei Namen ein Gedächtnis wie ein Goldfisch habe. Wenn ich mir dann noch Pronomen merken müsste die nicht sofort visuell offensichtlich sind dann gute Nacht!

Ich habe als Autistin auch Probleme mit den neuen Schreibweisen. Texte wo beispielsweise statt Leser*innen das Wort Lesende verwendet wird, sind einfacher für mich.

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