Behindertenfeindlichkeit? Fähigkeitismus? Was bedeutet Ableismus? Ich versuche mich an einer kurzen Antwort
Ableismus – der Begriff
Ableismus setzt sich aus zwei Wörtern zusammen, einem englischen und einem deutschen.
able [eɪ.bəl] bedeutet “fähig”
-ismus [ɪsmʊs] ist eine Endung (ein Suffix), das eine bestimmte Geistshaltung oder kulturelle bzw. geistige Richtung kennzeichnet
Ausgesprochen wird Ableismus entweder auf deutsch: Ahbleismus oder halb deutsch/halb englisch Eibelismus.
Wörtlich übersetzt ist Ableismus eine Geisteshaltung, die sich mit den Fähigkeiten von Personen beschäftigt.
Die wörtliche Übersetzung in Deusch wäre “Fähigkeitismus”
Ableismus und Behindertenfeindlichkeit
Häufig wird Ableismus mit Behindertenfeindlichkeit gleichgesetzt oder beides verwendet, als würde es die gleiche Bedeutung haben (synonym zueinander). Auch der Duden setzt “Behindertenfeindlichkeit” und “Ableismus” gleich. Das ist nachvollziehbar, stimmt aber nicht ganz.
Laut der Duden-Definition sind Ableismus und Behindertenfeindlichkeit:
Abwertung, Diskriminierung, Marginalisierung von Menschen mit Behinderung oder chronisch Kranken aufgrund ihrer Fähigkeiten
Duden
Um den Unterschied zu verstehen, müssen wir den ersten Teil der Definition vom zweiten Teil der Definition trennen.
Behindertenfeindlichkeit
Behindertenfeindlichkeit ist die Abwertung, Diskriminierung und Marginalisierung von behinderten und/oder chronisch kranken Menschen.
Das bedeutet, das behinderte Menschen, weil sie behindert sind oder behindert werden, schlechter behandelt werden als nicht-behinderte Menschen. (Zum Unterschied zu “behindert sein” und “behindert werden” habe ich auch schon einen Artikel geschrieben.)
Auswirkungen hat das beispielsweise…
- auf die Schulbildung (wenn behinderte Menschen in ein anderes Schulsystem eingruppiert werden als nicht-behinderte Menschen)
- auf dem Arbeitsmarkt (wenn es extra Werkstätten für behinderte Menschen gibt, anstatt allgemeine Arbeitsplätze für alle)
- beim Wohnen (wenn behinderte Menschen in speziellen Wohnformen untergebracht werden, anstatt eine Wohnung selbstbestimmt wählen zu können)
- aber auch bei Hobbys (wenn immer zuerst geschaut werden muss, ob es einen barrierefreien Zugang gibt oder das Hobby auch mit Hilfsmitteln ausführbar ist
- im Urlaub (wenn der Strand nicht barrierefrei zugänglich ist)
- bei der Hotelbuchung (wo es zuerst ein Urteil brauchte, dass feststellte, dass die Anwesenheit von behinderten Menschen keinen Schadensersatzanspruch verursacht)
- in Beziehungen (wenn behinderten Menschen abgesprochen wird, dass sie erfüllte Liebes- und Sexbeziehungen haben dürfen)
- in der Selbstbestimmung (beispielsweise bei der Verabreichung chemischer Verhütungsmittel an behinderte Frauen ohne deren Wissen/Einverständnis)
- in der Diskussion über den “Wert behinderten Lebens” (wenn z.B. die Bundesregierung unter Merz die Eingliederungshilfe und Pflegegelder kürzen möchte oder das NS-Regime in der “Aktion T4” behinderte Menschen ermordete)
Behindertenfeindlichkeit ist dann relevant, wenn bereits eine Behinderung oder chronische Erkrankung vorliegt.
Ableismus
Ableismus unterscheidet sich von Behindertenfeindlichkeit insofern, dass es bereits deutlich früher beginnt.
Denn Ableismus ist der zweite Teil der Definition “aufgrund ihrer Fähigkeiten”. Ob es sich überhaupt um eine Behinderung handelt, wird nur deshalb entschieden, weil behinderte Menschen andere oder fehlende Fähigkeiten im Vergleich zu nicht-behinderten Menschen haben. (Wer sich das genauer anschauen möchte, wir haben ein physisches und ein digitales Fähigkeiten-Set entwickelt.)
Es werden also Fähigkeiten festgelegt, die als “normal” gelten. Und dann alle Fähigkeiten, die davon abweichen. Vorbemerkung: Die Beispiellisten sind selbstverständlich nicht vollständig.
- Laufen
- abweichend:
- Laufen mit Hilfsmittel (Gehstock, Rollator)
- einen Rollstuhl nutzen
- abweichend:
- Sehen
- abweichend:
- Sehen mit Brille
- einen Langstock nutzen
- einen Blindenhund nutzen
- abweichend:
- Hören und verbal Sprechen
- abweichend:
- Gebärdensprache
- Cochlea-Implantat
- Hörgeräte
- abweichend:
- Reizverarbeitung
- beeinflusst z.B. durch Autismus, ADHS, AuDHS, Hochsensibilität
- Wahrnehmung sozialer Situation
- beeinflusst z.B. durch Autismus, ADHS, AuDHS, Persönlichkeitsstörungen, Trauma
- Umgang mit sozialen Situationen
- beeinflusst z.B. durch Autismus, ADHS, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Depression
- Umgang mit Emotionen
- beeinflussst z.B. durch Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, BurnOut
- exekutive Funktion und Dysfunktion
- beeinflusst z.B. durch ADHS, Depressionen
- Verarbeitung von Worten, Zahlen, Grob- und Feinmotorik
- beeinflusst z.B. durch Dyskalkulie, Dyslexie/Legasthenie, Dyspraxie
Die Abweichung von “normalen” Fähigkeiten kann in der Diagnostik dann so weitreichend sein, dass es zu einer Diagnose kommt. Aber um überhaupt zu einer Diagnose zu kommen, müssen bereits “normale” Fähigkeiten festgelegt worden sein.
Unterschied Ableismus und Behindertenfeindlichkeit
Der größte Unterschied zwischen Ableismus und Behindertenfeindlichkeit ist, dass Ableismus alle Menschen betrifft. Die Wertung von Fähigkeiten (und die Bestrafund bzw. Abwertung von fehlenden Fähigkeiten) betreffen uns alle. Behindertenfeindlichkeit kommt zum Ableismus dazu, wenn es um behinderte und chronisch kranke Menschen geht. So gesehen ist Behindertenfeindlichkeit eine Steigerung von Ableismus. In jeder Behindertenfeindlichkeit steckt Ableismus drin, aber er ist viel größer als nur “gegen behinderte und chronisch kranke Menschen” gerichtet.
Konsequenzen
Ohne die Überwindung von Ableismus gibt es keine Inklusion. Sätze wie “Hauptsache, gesund!” bei der Verkündung von Schwangerschaften oder “an den Rollstuhl gefesselt” sind nur Symptome einer tiefliegenden Bewertung von Fähigkeiten. Denn wer “unnormale” Fähigkeiten hat oder “anders” verarbeitet, ist erst einmal als “schlechter” markiert.
Dazu gehören auch vermeintlich positive Zuschreibungen, z.B. “Autismus Superpower” oder “absolutes Gehör bei Blindheit”, die beide faktisch falsch sind. Nur, weil eine Fähigkeit fehlt oder anders ausgeprägt ist, wird das nicht automatisch durch andere Fähigkeiten kompensiert.
Aber ebensowenig führt das Fehlen einer bestimmten Fähigkeit automatisch zum Fehlen anderer Fähigkeiten. Menschen mit Pflegebedürftigkeit können dennoch selbstbestimmt arbeiten. Menschen im Rollstuhl sind mobil (wenn die Welt barrierefrei ist) und blinde Menschen können sich in bekannten Räumen sicher und schnell bewegen.
Ableismus verbindet Fähigkeiten mit Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit oder eben auch Hilflosigkeit. Und das führt in der Konsequenz zu Behindertenfeindlichkeit.
“Ich könnte das nicht.”
Mein liebster, inhaltlich ableistischer und trotzdem positiv gemeinter Satz ist: “Ich könnte das nicht!”, gefolgt von “Ich bin total beeindruckt/finde super, was du alles leistest.”
Ich muss dann immer grinsen. Denn doch. Ich traue auch dir zu, behindert zu werden. Du wirst dich anpassen können. Du wirst andere Fähigkeiten erlernen, sobald du es musst. Du wirst morgens nicht aufwachen, mit dem Gedanken “OH GOTT. Ich bin BEHINDERT.” (Okay, ab einem gewissen Punkt nicht mehr.) Du wirst immer noch verinnerlichten Ableismus haben und mit uns gemeinsam lernen, ihn zu überwinden.
Aber ich traue auch dir zu, behindert zu werden. Versprochen.



