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Autistische, erwachsene Frauen – 3000 Years of Longing

Anfang des Monats ist der neuste Film von George Millar ins Kino gekommen. George Millar, der den meisten wohl als Regisseur der Mad Max Filme bekannt sein dürfte. Nachdem er einen langen, langen rechtlichen Streit mit Warner Bros. über Mad Max Fury Road hatte, da Warner ursprünglich einen PG13 Film haben wollte, haben sich beide Parteien einigen können. Dies bedeutet nicht nur, dass Millar sein Furiosa-Prequel zu Fury Road machen durfte, sondern dass er eine komplett neue, eigene Idee als Film umsetzen durfte. Eine Genie-in-der-Flasche Geschichte mit dem Titel 3000 Years of Longing. (Spoiler: Ich konzentriere mich hier auf autistische, erwachsene Frauen.)

Ich selbst wollte den Film sehen, weil ich ein großer Fan von Millar bin. Weil dieser nach all den Jahren endlich auf Feedback gehört und sich entschlossen hat, den Film sehr divers zu gestalten. Und damit meine ich wirklich divers. Nicht nur, dass eine der beiden Hauptfiguren Schwarz ist, wir sehen auch eine ganze Reihe anderer Gruppen repräsentiert. Sowohl Body Diversity wird dargestellt, als auch Behinderungen und zumindest am Rande auch LGBTQ*. Coole Sache.

Autistische, erwachsene Frauen!

Der Film handelt von der Narratologin Alithea, die für eine Konferenz nach Istanbul reist. Seit ihrer Kindheit hat sie bereits eine „blühende Fantasie“ – oder glaubt dies zumindest. Nur dass sie bald schon feststellt, dass diese blühende Fantasie vielleicht real ist. Denn in Istanbul findet sie in einem Laden ein kleines Fläschchen. Als sie versucht dieses in ihrem Hotelzimmer zu öffnen kommt ein Dschinn daraus hervor, der sie anfleht drei Herzenswünsche auszusprechen. Doch Alithea ist Narratologin – sie kennt die Gefahren der drei Wünsche, denn quasi jede einer solchen Geschichten beinhaltet eine Warnung.

Dies soll allerdings keine Rezension des Films sein. Viel eher möchte ich über etwas sprechen, das mich überrascht hat. Denn eine Repräsentation kommt in dem Film vor, mit der ich nicht gerechnet habe: Alithea ist Autistin. Dies wird im Film selbst zwar nie ausgesprochen, sondern nur umschrieben, wurde allerdings tatsächlich bestätigt. Der Film hat sogar mit Sensitivity Beratung gearbeitet.

Damit stellt der Film eine Gruppe dar – sogar als Hauptfigur – die sehr wenig Aufmerksamkeit bekommt: Autistische, erwachsene Frauen. Nicht nur das: Im Verlauf des Films, der zu großen Teilen aus Erzählungen aus dem Leben des Dschinns besteht, kommt in einem dieser Flashbacks eine andere Frau vor. Eine erwachsene, arabische, autistische Frau.

Autistische Darstellung

Es ist traurig, dass es so selten ist, aber ja, wir sehen nur wenig autistische, erwachsene Frauen in den Medien. In der Darstellung von Autismus konzentrieren sich diese fast immer nur auf autistische, weiße Männer. Und auch diese werden immer auf dieselben zwei Arten dargestellt. Entweder sehen wir Autismus, der mit einer starken geistigen Behinderung einhergeht. Oder wir sehen jene „liebenswerten“, sozial unfähigen autistischen „Genies“. Toll in Mathe (oder anderen MINT Fächern), aber keine Ahnung haben, wie man mit Frauen spricht. Beide Darstellungen haben ohnehin noch einmal eine ganze Reihe von Problemen, doch das ist ein Thema für ein anderes Mal. Vorerst sei einfach gesagt: Autistische Frauen sehen wir selten.

Genau deswegen war es hier eine Überraschung. Nicht nur, dass Alithea eine ältere Frau ist (was wir ebenso selten sehen). Nein, sie ist auch autistisch. Und ist dabei zwar sehr gut in ihrem Fachgebiet, allerdings eben nicht auf jene redundant dargestellte Art. (Wie wir sie oft mit den „männlichen Mathegenies“ sehen.) Mehr noch: Sie hat Freund*innen, die wir ebenfalls zu Beginn des Films sehen. Autistische, erwachsene Frauen werden so positiv in der Popkultur selten dargestellt.

Repräsentation macht einen Unterschied!

Dass sie Autismus hat wird am Anfang nur durch Kleinigkeiten angedeutet – vor allem dadurch, dass sie immer wieder skillt. Erst im Gespräch mit dem Dschinn erfahren wir darüber dann mehr. So erfahren wir, dass sie in der Schule Probleme hatte sich einzugliedern, sehr einsam war. Darüber entwickelte sie einen imaginären Freund, der so real für sie war, als wäre er ein richtiger Mensch. Sie fing an zu schreiben und entwickelte ein Interesse für Geschichten. Dies klingt erst einmal sehr anders, als die üblichen Autismus-Narrative. Es ist jedoch etwas, dass viele Autist*innen bestätigen können. Die Existenz einer lebhaften, fiktionalen Welt und ein Interesse am Schreiben wurde in vielen Studien bei weiblich sozialisierten Autist*innen festgestellt.

Alitheas Geschichte ging jedoch weiter. Im Studium lernte sie jemanden kennen, verliebte sich, heiratete, wurde schwanger, verlor das Kind und schied sich danach. Grund für die Scheidung war jedoch, dass sie die Trauer über den Verlust des ungeborenen Kindes nicht angemessen zum Ausdruck bringen konnte. Ihr Mann danach begann sich zu beschweren, dass sie auch ihre Liebe nicht zum Ausdruck bringt. Zustände, in denen sich auch andere autistische, erwachsene Frauen wiederfinden dürften.

Dies führte dazu, dass Alithea internalisierte, sie sei unfähig sei zu lieben und mehr noch, unwürdig geliebt zu werden. Was ihren zentralen Konflikt in diesem Film darstellt: Diesen internalisierten Bias zu überwinden.

Es lassen sich nun viele Sachen über die Darstellung von Autismus in diesem Film sagen. Natürlich sei allen anderen Dingen voran zu kritisieren, dass das Wort „Autismus“ nie ausgesprochen wird. Als Autist erkennt man natürlich sofort, was dargestellt wird. Für Menschen, die sich damit nicht auseinandergesetzt haben, ist diese Darstellung, die an vielen Stellen auf „Show, don’t tell“ beruht, wahrscheinlich nicht nachvollziehbar.

Darüber hinaus muss natürlich auch kritisiert werden, dass Tilda Swinton – zumindest nach allen öffentlich verfügbaren Informationen – nicht selbst autistisch ist. Es kann also durchaus kritisiert werden, dass ausgerechnet sie nun diesen autistischen Charakter spielt. Sicher hätte es auch autistische Schauspielerinnen gegeben, die Alithea hätten darstellen können.

Positive Darstellung

Dennoch muss ich sagen, dass mich persönlich der Film in diesem Bezug positiv überrascht hat. Allein die Tatsache, dass wir eine ältere, erwachsene Frau als Person mit Autismus dargestellt sehen ist positiv. Es ist schlicht und ergreifend etwas, dass wir sonst nicht sehen. Auch, dass ihre Geschichte nicht auf den Autismus reduziert wird ist positiv. Mehr noch: Der Charakterkonflikt, den sie resultierend aus dem Autismus hat, ist ein Konflikt des internalisierten Ableismus. Ihr wurden bestimmte Gefühle abgesprochen, weil sie diese nicht auf eine neurotypische Art zum Ausdruck gebracht hat. Nun hat sie internalisiert, dass sie diese Gefühle nicht haben kann – und lernt erst durch den Dschinn, dass dies nicht der Realität entspricht. Nie jedoch impliziert der Film, dass ihre eigene Aussage, sie sei unfähig zu lieben, der Realität entspricht.

Mehr noch: In einer der Geschichten des Dschinns lernen wir Zefir kennen. Bei der dadurch, dass sie denselben Skill wie Alithea hat, impliziert wird, dass auch sie autistisch ist. Tatsächlich fällt sie sogar in die Gruppe der Autist*innen mit klassischen MINT-Interessen. Und Zefir ist der Mensch, an den der Dschinn einst sein Herz verlor. Sie wird als liebenswert dargestellt – etwas, dass wir leider sehr selten in Bezug auf Autist*innen sehen. Umso seltener im Kontext einer Darstellung, in dem die Autist*innen (hier sowohl Alithea, als auch Zefir) eine selbstbestimmte Sexualität haben.

Fazit

Kurzum: Nein, der Film ist in Bezug auf die Darstellung von Autismus sicher nicht perfekt. Aber er ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. An so vielen Stellen sieht man positive Repräsentation – gerade auch in Bezug auf Autismus. Mehr noch: Diese Repräsentation ist da, ohne dass das Marketing des Films darum einen großen Aufwand gemacht hat. Obwohl ich einige Interviews zum Film gesehen hatte, wusste ich nicht, dass die Hauptfigur autistisch sein würde. So war ich positiv überrascht, als wir in den Film einsteigen, mit einer Szene, in der Alithea skillt. Genau so sollte Diversität eigentlich gehen.

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