Gendern – was, wie, wo, warum?

Mitten im Backlash einen Grundlagentext zu geschlechtergerechter Sprache verfassen: Kann man das? Ich kann. Sollte ich? Weiß ich nicht. Aber bringt ja auch nichts, alle Veränderungen zum Fenster rauszuwerfen.

Sollte euch also irgendwann mal wer fragen, was der Unterschied zwischen geschlechtergerechter Sprache, geschlechterneutraler Sprache ist und welche Sonderzeichen wann verwendet werden sollten: Schickt einfach diesen Link rum. Wäre super.

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Deutsch ist eine der am vergeschlechtlichsten Sprachen überhaupt. Denn in der Linguistik wird das grammatische Geschlecht (Genus) vom natürlichen Geschlecht (Sexus) unterschieden. Ob und welche Genussysteme eine Sprache hat, wird noch einmal in folgende Kategorien unterteilt:

  1. Sprachen ohne Genus
    Ungefähr die Hälfte der weltweit gesprochenen Sprachen enthält überhaupt kein Genussystem. Somit gibt es dort kein grammatisches Geschlecht.
  2. Sprachen mit Genus (bei dem Genus sich am Sexus orientiert)
  3. Sprachen mit Genus (unabhängig vom Sexus)

Deutsch gehört in Kategorie 3, denn “das Mädchen” ist sächlich, während “die Sonne” weiblich ist und “der Mond” männlich. Darüber hinaus werden im Deutschen alle Pronomina, Adjektive, Substantive, etc. vergeschlechtlicht, weshalb Deutsch für viele Menschen so schwierig zu lernen ist. Sehr viele Endungen!

Wer sich ausführlich mit der Linguistik beschäftigen möchte, empfehle ich das Buch “Gender und Sprache“. Schwerpunkt ist das Spanische, es lässt sich aber durchaus als Einführung lesen und in Teilen übertragen.

Geschlechtergerechte Sprache

Bei geschlechtergerechter Sprache geht es um die Darstellung von zwei oder mehr Geschlechtern. Hierbei wird sehr viel Wert auf das Vorhandensein von Geschlecht gelegt und sie sprachlich und/oder optisch sichtbar gemacht.

Geschlechtergerechte Sprache ohne Sonderzeichen

Es gibt zwei sehr verbreitete Formen von geschlechtergerechter Sprache, die ohne Sonderzeichen auskommt.

  1. Die Doppelnennung
    Alle Schülerinnen und Schüler, alle Lehrerinnen und Lehrer, alle Leserinnen und Leser mögen sich bitte in der Aula treffen, um die neuen Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe fünf zu begrüßen.

    Vorteil: Das generische Maskulinum wird vermieden. Zwei Geschlechter werden gleichberechtigt angesprochen.

    Nachteil: Es ist sehr lang und sperrig und vor allem bei längeren Texten eine Qual zu Lesen. Darüber hinaus ist es nicht barrierefrei und führt zu einer Verkomplizierung von Texten. Es werden nur zwei Geschlechter abgebildet.
  2. Das Binnen-I
    Alle SchülerInnen, alle LehrerInnen, alle LeserInnen mögen sich bitte in der Aula treffen, um die neuen SchülerInnen der Klassenstufe fünf zu begrüßen.

    Vorteil: Das Binnen-I ist ungefähr in den 80er Jahren entstanden, um Frauen in der Sprache sichtbar zu machen und eine geschlechtergerechte Variante ohne Doppelnennung zu etablieren. Es ist deutlich kürzer als die Doppelnennung und legt den Fokus auf die feminine Endung, wobei durch das großgeschriebene I der Unterschied zum “generischen Femininum” dargestellt wird. Manche Screenreader lesen das Binnen-I als kurze Pause und sind somit geschlechterneutral-barrierefrei.

    Nachteil: Es werden zwei Geschlechter dargestellt, in der visuellen Darstellung kann es leicht mit dem generischen Femininum oder der femininen Mehrzahl verwechselt werden. Für sehbehinderte und neurodivergente Menschen kann die Erkennung des Binnen-I schwer fallen. Großbuchstaben innerhalb eines Wortes sind unüblich und können das Lernen von Deutsch erschweren.
  3. Der Schrägstrich /
    Alle Schüler/-innen, alle Lehrer/-innen, alle Leser/-innen mögen sich bitte in der Aula treffen, um die neuen Schüler/-innen der Klassenstufe fünf zu begrüßen.

    Vorteil: Verbindet die Beidnennung mit den Vorteilen des Binnen-I, ist jedoch eine sichtbarere Unterbrechung im Wort. Ist das einzige Sonderzeichen, das im Amtlichen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung genannt wird und dadurch auch in Institutionen, in denen andere Sonderzeichen untersagt wurden, erlaubt ist.

    Nachteil: Ist nicht als geschlechtergerechte Variante, sondern als Verkürzung der Beidnennung entwickelt worden. Ist nur dann zulässig, wenn die Beidnennung identisch mit der /- Version wäre. Bezieht sich auf zwei Geschlechter und ist nicht barrierefrei.

Die Sonderzeichen

Es gibt unterschiedliche Sonderzeichen, die für geschlechtergerechte Endungen in der deutschen Sprache verwendet werden. Ich stelle sie euch alle einmal vor, inklusive ihrer Vor- und Nachteile für inklusive Sprache.

Vorbemerkung: Dadurch, dass es keine einheitliche Regelung für Sonderzeichen gibt, unterschiedliche Sonderzeichen verwendet werden und z.T. geschlechtergerechte Sprache aktiv untersagt wird, ist kein Sonderzeichen DERZEIT vollkommen barrierefrei. Das ist eine Moment-Aufnahme und kann sich zukünftig ändern.

  1. Der Doppelpunkt :
    Ist ungefähr 2010 in Mode gekommen, einige schreiben ihn der Fusion zu.

    Sieht so aus: Leser:innen.

    Vorteil: War lange Zeit der absolute Liebling, weil angeblich barrierefreier als alle anderen Varianten (das stimmt so nicht) und wirkt neutral, unauffällig und hat eine schnelle Karriere hingelegt, zum beliebtesten und bekanntesten Sonderzeichen.

    Nachteil: Wird aus der nichtbinären Community kritisiert, weil wir “die Lücke zwischen den zwei Punkten” darstellen sollen und aus der blinden und sehbehinderten Community, weil die Pause von Screenreadern bei der Verwendung des : sehr lang wird und das den Hörfluss stören kann.
  2. Der Asterisk (auch Gendersternchen) genannt *
    Kam einige Jahre vor dem Doppelpunkt auf, ist aus der queeren Community entstanden. Die “Ärmchen” des Sternchens sollen die Vielfalt unterschiedlicher, geschlechtlicher Identitäten darstellen.

    Sieht so aus: Leser*innen

    Vorteil: Ist weit verbreitet und auf den meisten Tastaturen schnell erreichbar. Schafft einen sichtbaren Bruch auf der oberen Leselinie, ohne dabei aktiv das Wort zu unterbrechen. Wird (wenn Sonderzeichen genutzt werden müssen) auch vom Deutschen Verband der Blinden und Sehbehinderten empfohlen.

    Nachteil: Kann mit Fußnoten-Kennzeichen oder anderen Einsatzmöglichkeiten des * verwechselt werden. Mehr dazu in folgendem Text: Sternenhimmel. In automatisch formatierten Texten kann das * zur kursiv-Schreibung führen, was zu ganzen Absätzen führt, bis das zweite * im Text die Formatierung auflöst.
  3. Der Unterstrich _
    Sieht so aus: Leser_innen

    Vorteil: Schafft eine sichtbare Lücke im Wort. Ist aus der nichtbinären Community entwickelt worden, um die Lücke zu zeigen, die Nichtbinarität zwischen “männlich” und “weibich” einnimmt und um metaphorisch Platz für Nichtbinarität im geschriebenen Wort zu schaffen.

    Nachteil: Screenreader lesen es häufig als sehr lange Pause oder als “Unterstrich” vor. Durch die große Lücke kann es den Lesefluss unterbrechen.

Geschlechterneutrale Sprache

Bei geschlechterneutraler Sprache geht es um die Abwesenheit von geschlechtlichen Zuordnungen in der Sprache. Anstatt das Sexus besonders sichtbar zu machen, soll es am besten unsichtbar gemacht werden. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten.

Neutralität

Anstatt vergeschlechtlichte Worte wie “Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter” zu verwenden, lassen sich neutrale Bezeichnungen wie “Team” finden. Aus den “Schülerinnen und Schülern” wird die “Klasse”.

Vorteil: Sehr viel kürzer, der Bereich der geschlechtergerechten Sprache wird übersprungen.

Nachteil: Manchmal geht Präzision verloren, wenn alternative Bezeichnungen genutzt werden.

Das Gerundium (die Verlaufsform

Eine weitere Möglichkeit, die vergeschlechtlichen Endungen zu umgehen, ist die sogenannte “Verlaufsform”, die anzeigt, dass ein Vorgang begonnen, aber noch nicht beendet wurde.

  • Lernende
  • Studierende
  • Mitarbeitende
  • Lehrende

Vorteil: Es bleibt präzise in der Begriffszuordnung, umgeht aber den geschlechtlichen Aspekt.

Nachteil: Sind Lernende, die gerade ein Bier trinken, immer noch lernend? Was machen Studierende, die gerade nicht studieren? Oder Lehrende, wenn sie nicht lehren? Hierbei kann diskutiert werden, dass eine “an einer Uni eingeschriebene Person” solange studiert, bis sie exmatrikuliert wird – unabhängig davon, ob sie dabei tatsächlich etwas lernt. Zumindest das Wort “Studierende” ist bereits seit 1744 in Verwendung, obwohl es damals ausschließlich um Studenten ging. Denn Frauen durften nicht studieren.

Fazit

Sprache ist ein Werkzeug, das Realitäten abbildet. Ob Menschen nun die Realität von nichtbinären Personen anerkennen oder nicht, ist im Endeffekt ihnen überlassen. Sprache schafft Sichtbarkeit für Realitäten, aber nichtbinäre Menschen wären auch real, wenn es keine Sichtbarkeit in der Sprache gäbe. Es macht uns nur das Leben deutlich einfacher, weil Sichtbarkeit auch Sicherheit und Schutz bedeutet.

Veranstaltungen zum Thema

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