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Dead End Paranormal Park: Wunderschöne Repräsentation

Okay, wir müssen ganz dringend über diese Serie sprechen: Dead End Paranormal Park. Eine relativ neue Animationsserie auf Netflix, über die gefühlt soweit niemand spricht – obwohl Teil 2 der Serie schon am 13. Oktober kam!

Was hat es mit der Serie auf sich? Nun, es ist eine Animationsserie über zwei junge Erwachsene – Barney und Norma – die anfangen, in einem Vergnügungspark zu arbeiten. Dem namensgebenden Dead End Park. (Es ist ein Dead End Paranormal Park, aber das wissen wir da noch nicht.) Dieser basiert auf den Filmen eines Starlets des 50er und 60er Hollywoods: Pauline Phoenix. Nur geht nicht alles in diesem Park mit rechten Dingen zu. Denn schon beim Vorstellungsgespräch werden sie von Dämonen überfallen, die einen Dämonenlord beschwören wollen. Was schiefläuft, als Barneys Hund Pugsley in den Weg kommt. Und von da an wird es alles nur noch seltsamer…

trans Charaktere und Darstellung

Auf die Serie aufmerksam wurde ich speziell durch die amerikanische queere Animationscommunity. Dort war direkt Gesprächsthema, dass einer der beiden Hauptcharaktere – Barney – trans ist. Er ist bereits medizinisch transitioniert und ein trans Mann. Das wurde nicht nur angedeutet, sondern direkt in der ersten Folge offen gesagt. Außerdem ist er offen schwul. Und bekommt ein Love Interest in der Serie, das ebenfalls nicht abgeneigt von ihm zu sein scheint.

Allein Barney ist bereits wunderbare Repräsentation. Er lebt, als er den Job bekommt, im Dead End Paranormal Park, weil er es zu Hause nicht mehr aushält. Seine Eltern sind oberflächlich sehr positiv und unterstützend, doch seine Großmutter ist es nicht. Während die Serie (wunderbarerweise) die Transfeindlichkeit nicht repliziert und darstellt, so ist klar, dass die Großmutter ihm gegenüber transfeindlich war und ihn dauerhaft misgendert hat. Und seine Eltern? Die haben dazu nichts gesagt, haben ihm nicht beigestanden und ihn nicht unterstützt. Deswegen hält er es bei ihnen nicht mehr aus und braucht Abstand.

Das positive daran ist: Barney wird als absolut im Recht dargestellt.Sein Bedürfnis nach Abstand wird als plausibel dargestellt. Plausibel, dass er sich zunächst von seinen Eltern distanziert. Kein Thema mit „zwei Seiten“, sondern eines, bei dem Barney im Recht ist. Denn ja, wenn seine Eltern – wie sie vorgeben – ihn unterstützen, dann hätten sie auch der Großmutter die Stirn geboten. Das haben sie jedoch nicht getan. Also unterstützen sie ihn halt nur solange, als dass es ihnen nicht zu viel abverlangt.

Darüber hinaus ist Barney auch fett – und dies wird nie als etwas Negatives dargestellt. Weder wird er deswegen als Lachnummer, noch wird er darüber als unsportlich geframet. Auch im Zusammenhang mit seinem Love Interest, Logs, der konventionell attraktiv ist, fehlt die übliche Andeutung, dass dieser „jenseits Barneys Liga“ sei. Also durch und durch eine positive Darstellung.

autistische, erwachsene Frauen

Der eigentliche Grund, warum ich jedoch über die Serie sprechen will, ist das Thema, das soweit wenig Aufmerksamkeit bekommen hat: Norma. Denn Norma ist – wie der Autor des Comics, auf dem die Serie beruht – autistisch. Und es ist ohne Witz wohl eine der besten und positivsten Darstellungen von Autismus, die ich jemals in Serienform gesehen habe.

Die Serie zeigte bisher den Autismus nicht explizit. Doch im Comic ist es Canon und der Autor hat gesagt, dass es auch in der Serie noch ein Thema werden wird. Insofern gehe ich davon aus, dass es in den nächsten zehn Folgen angesprochen werden wird.

Doch auch so ist es bereits sehr deutlich, dass Norma autistisch ist. Im Beitrag über 3000 Years of Longing habe ich ja bereits gesagt, wie selten es ist, dass Frauen als autistisch dargestellt werden. Noch seltener ist es, dass ein nicht-weißer Charakter wie Norma (die pakistanischer Abstammung ist) in der Fiktion autistisch sein darf. Dabei werden viele, viele autistische Themen durch Norma thematisiert.

Das zentrale Thema für ihren Charakter ist natürlich, dass sie ein Spezialinteresse hat. Pauline Phoenix ist Normas Spezialinteresse. Nach deren Lebenswerk wurde der Park, in dem sie arbeiten, geschaffen. Sie kennt jeden von Paulines Filmen. Kennt jede Werbung, in der Pauline jemals war. Kennt Making Offs und Interviews praktisch auswendig. Und auch über den Park kennt sie jedes Detail – was genau der Grund ist, warum sie dort arbeiten will. Als autistischer Mensch kann ich das verstehen. In einem Bereich zu arbeiten, der meinem Spezialinteresse entspricht, wäre ein absoluter Traum. (Zumindest theoretisch. Praktisch gesehen würde ich aktuell nicht für Netflix arbeiten wollen.)

Auch hat Norma große Social Anxiety. Dies ist das Thema einer ganzen Episode. Sie mag keine (fremden) Berührungen. Sie versteht den Tonfall von anderen Menschen häufig nicht. Versteht nicht, was diese von ihr wollen. Tut sich schwer, sich Namen zu merken und weiß einfach nicht mit sozialen Situationen umzugehen. Direkt am Anfang gibt es eine Folge mit einem Albtraumdämon. Und während diverse Charaktere alberne und abstrakte Albträume haben, so sind die Albträume von Barney und Norma sehr bezeichnend über das Erleben von trans Menschen und autistischen Menschen. Barney hat Angst davor, von seiner Familie komplett abgelehnt und misgendert zu werden. Norma? Nun, Normas Albtraum ist einfach eine ganz normale Alltagssituation, in der sie mit anderen Menschen interagieren muss und diese sie einfach nicht verstehen und ablehnen. Ich bin ganz ehrlich: Ich habe mich selten so gesehen gefühlt von einer Serie.

Humor ist, wenn alle mitlachen.

Gleichzeitig kann die Serie diese Dinge durchaus auch mit Humor nehmen – ohne sich darüber lustig zu machen. So wird durchaus Humor daraus gezogen, dass manchmal Leute überfordert mit Normas Infodumping sind. Doch es wird nicht als eine negative Eigenschaft von Norma dargestellt, sondern einfach als etwas, mit dem ihre neurotypischen Kolleg*innen nicht immer umgehen können.

Was ich mit alle dem sagen will: Tut euch selbst einen Gefallen und schaut euch die Serie an – und sei es nur, um Netflix zu zeigen, dass ein Bedarf für eine Serie, die positive Darstellung von queeren Menschen, fetten Menschen und autistischen Menschen haben. Denn soweit haben wir davon viel zu wenig. Entsprechend: Gebt dieser wunderbaren Serie eine Chance. Sie ist Own Voice in Bezug auf viele der angesprochenen Themen und hat, ganz nebenbei, tollen Humor und auch eine spannende Geschichte.

Oh. Und eine Musical Episode. Es gibt eine Musical Folge. Als queerer Autist muss ich das erwähnen!

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